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Opfer der Produktpiraterie

Der Untergang des Telefonbänkchens

Produktpiraterie - © Dieter Schütz / PIXELIO / www.pixelio.deUnlängst suchte ich ein Möbelhaus auf in der Absicht, einen Fußschemel zu erwerben, weil ich es leid war, immer meine Füße auf den Bildband „Gotik: Architektur – Skulptur – Malerei“ stellen zu müssen, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze. Mein Schreibtisch stammt noch aus jener goldenen Ära, da nur der männliche Teil der Bevölkerung arbeiten und wählen ging, und ward dementsprechend für Menschen mit einer Körpergröße jenseits von einmetersiebzig konzipiert, während es für die Damenwelt nur zierliche Schreibsekretäre mit allerhand Kläppchen und Schublädchen gab.

Es ist ein meiner Ansicht nach zu Unrecht vernachlässigtes Rätsel der Weltgeschichte, wo die Damen vergangener Epochen, die doch sicherlich mangels Arbeit und demokratischer Grundrechtwahrnehmungen sehr viel Zeit an ihren zierlichen Schreibsekretären verbracht haben, ihre Füllersammlung, die Tintenfässchen, die Schreibtischlampe, den Brötchenteller, die Wasserflasche, die Qui-Gong-Kugeln, das Spielzeugauto, den Buntstiftbecher und die Schlafdecke für den fetten Kater untergebracht haben.

Auf den rollfeldähnlichen Schreibtischplatten ihrer zur Arbeit enteilten Ehegatten sicherlich eher nicht, denn da kamen sie nicht so gut dran, genau wie ich, bis ich mir vor einiger Zeit den Drabert RP 28 zulegte. Der Drabert RP 28 ist ein Klassiker des Industriedesigns und gilt als der Urvater des ergonomischen Sitzens, man kann ihn beispielsweise durch beharrliches Drehen in der Höhe verändern, was es auch eher klein geratenen Menschen wie mir ermöglicht, einen Blick auf die Schreibtischplatte ihres für größere Menschen konzipierten Schreibmöbels zu tun, bedauerlicherweise aber gleichzeitig mit einem nicht hinzunehmenden Fuß-Boden-Kontaktverlust einher geht. Auch der provisorische Höhenausgleich mittels des Bildbandes „Gotik: Architektur – Skulptur – Malerei“ erwies sich als nicht zufriedenstellend, da die Reibung zwischen einem gefliesten Fußboden und einem Hochglanzeinband als eher geringfügig einzuschätzen ist und meine Füße infolge dieser unzulänglichen physikalischen Bedingungen andauernd durch die Gegend rutschten.

Mir blieb also nur der Weg ins Möbelhaus, wo es dann nicht nur keine Fußschemel gab, sondern auch keine Telefonbänkchen. Das Telefonbänkchen war ein winziges Möbel mit einer Sitzfläche für Menschen mit einer Körpergröße von unter einem Meter und einer von einer Balustrade aus gedrechselten Hölzchen umgebenen Freifläche, auf der das Telefon untergebracht war. Für gewöhnlich kam das Telefonbänkchen in Haushalten vor, die auch eine Schrankwand ihr Eigen nannten. Meist war es wie die Schrankwand aus Eiche rustikal und hatte ein braun geblümtes Sitzpolster, und das Telefon hatte ein umkordeltes Mäntelchen im passenden Design an, was vielleicht den Drang des Telefons erklärt, fort zu kommen vom Telefonbänkchen, sich des umkordelten Mäntelchens zu entledigen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, so ähnlich wie die ehemals an unpraktische Schreibsekretäre geketteten Damen.

Telefon - © Rainer Sturm / PIXELIO / www.pixelio.deNachdem es sich von der Wand, dem Telefonbänkchen und der Ummantelung heimlich, still und emsig abgenabelt hatte, trieb das Telefon sich noch eine kleine Weile im Haus herum, bis ihm der Anblick der Schrankwand wohl auch zu blöd wurde und es sich hinaus stahl in die Welt, wo es sich seither auf eine parasitäre Lebensweise vor allem an juvenilen menschlichen Säugetieren spezialisiert hat. Das juvenile menschliche Säugetier war seit der Erfindung des Telefonbänkchen als Wirtstier für das sich weiter entwickelnde Telefon prädestiniert, denn immer schon schwärte im juvenilen Menschen der Konflikt zwischen dem Kommunikationsbedürfnis mit anderen juvenilen Menschen einerseits und dem Bedürfnis nach chilligen Polstern andererseits. Wer schon einmal zwei Stunden lang auf einem Telefonbänkchen im Flur seinem Kommunikationsbedürfnis nachgekommen ist, wird der Unvereinbarkeit von Telefonbänkchen und chilligem Polster nicht ohne weiteres widersprechen wollen.

Und so zog das Telefon am juvenilen menschlichen Wirtstier hinaus in die Welt. Leider ist die symbiotische Verbindung von Schmarotzer und Wirtstier für letzteres nicht gänzlich ohne negative Folgen geblieben, speziell was die Entwicklung der intellektuellen Fähigkeiten betrifft. Viele juvenile Menschen bleiben intellektuell in einem sehr frühen Entwicklungsstadium stecken, und man kann ihnen nur mit Mühe etwas beibringen, z. B. keine Sätze mit „Aber“ anzufangen. Mein Auszubildendes beispielsweise ist jetzt schon zwei Jahre in meiner Obhut und fängt immer noch Sätze mit „Aber“ an, und auch sonst ist es in einer frühkindlichen Phase gefangen und freut sich über Sachen, die Geräusche machen, wie das Lokalradio oder Sprühflaschenköpfe ohne Sprühflaschen dran, die nervtötend quieken, wenn sie regelwidrig ohne anhängende Sprühflaschen betätigt werden, weswegen ich einst einen derart zur Geräuschentwicklung zweckentfremdeten Sprühflaschenkopf hinaus trug auf den Parkplatz und ihn dort ein paarmal mit dem Gabelstapler überrollte.

Seither ist das Auszubildende jedoch viel leichter zu lenken. Wann immer es einen Satz mit „Aber“ anfängt, entwende ich sein schmarotzendes Smartphone, halte es hoch und mache „Pfffft Pffft Hrönnn Hrönnn“, und gleich ist Ruhe im Puff.

Sie brauchen jetzt auch gar nicht die Super Nanny raushängen lassen und mir mit pädagogisch fragwürdigen Methoden oder so einem Scheiß kommen. Ich habe einen Drabert RP 28 und wollte einen Fußschemel kaufen und bin überhaupt nicht schuld daran, dass es keine Telefonbänkchen mehr gibt und unsere Kinder verblöden und mit einundzwanzig Jahren nur im Huga-Huga-Stil kommunizieren können. Zur Zeit der Damensekretäre durfte man da grade mal wählen gehen, vorausgesetzt man erfüllte nicht die biologischen Voraussetzungen für ein Dasein am Damensekretär.

Heute geht der aufgrund seiner Wirtstierexistenz noch gar nicht ganz ausgereifte Mensch schon mit achtzehn die Piratenpartei wählen, weil die auch alle viel Ahnung von PS3 und überhaupt keine von Wirtschaft und Politik haben und auf ihren Parteitagen jeder einen Satz mit „Aber“ anfangen darf, ohne dass ihm deswegen das Smartphone weggenommen und mit dem Gabelstapler überfahren wird.

Ich wäre besser dran mit einem Fußschemel. Die Welt wäre besser dran mit Telefonbänkchen.

© 2012 Bianka Tewes – Der Untergang des Telefonbänkchens

Fotos: © Dieter Schütz | Rainer Sturm / PIXELIO

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6 Kommentare zu Der Untergang des Telefonbänkchens

  • Aber, aber, Frau Tewes!

    Laufen Sie nicht etwa Gefahr, durch die bloße Erwähnung der Superdupernanny in Ihrem Tatsachenbericht, den Nährboden für potentielle RTL2-Gucker zu wässern? Es gibt wohl immer noch ein Restarsenal, das diese Sendung nicht kennt.
    Insgesamt kann ich aber Ihre Probleme mit der heutigen Brut sehr gut nachvollziehen. Einmal musste ich sogar miterleben, wie einer meiner Schüler “Grammatik” für ein Gewichtsproblem hielt. Auch ich rächte mich für diesen Hirnfehler an seinem Smartphone.

    Vielen Dank, dass ich geschmunzelt habe.
    Achja, falls ich das richtig sehe, wird auch auf Ihrer Seite auf das Plugin “GD-Rating” zurückgegriffen. Sei dies der Fall, so teilen Sie mir bitte mit, wie Sie diese schwule Animation beim hovern der Sterne losgeworden sind.

  • Bianka

    Sehr geehrter Herr Kreidemann,

    das ist gar nicht meine Seite, ich werde bloß vom Seitenbetreiber dazu gezwungen, andere Menschen schmunzeln zu machen, deswegen bringt mich Ihre Anfrage betreffs des Plugins in die unangenehme Situation, meine absolute Ahnungslosigkeit bezüglich hovernder Sterne eingestehen zu müssen. Ich bitte dies zu entschuldigen. Mein Bildungsweg liegt weit zurück, und ich muss den ganzen Tag Auszubildenden Fragen beantworten wie: “Was ist denn Chile?” Das zermürbt Hirn und Seele.

    • ..ist das nicht eine Art scharfe Paprika?
      Naja, ich danke jedenfalls für das Eingeständnis partieller Inkompetenz.

    • Vom Seitenbetreiber gezwungen? Was soll das denn nun wieder heißen? Wir zwingen dich doch nicht. Wenn du alle vier Wochen einen Text abgibst, bleibt es dir lediglich erspart, gefesselt im Keller zu sitzen und Hansi Hinterseer zu hören. Ist also alles deine freie Entscheidung!

      • Bianka

        Hiermit distanziere ich mich von meinem weiter oben stehenden Kommentar und bedanke mich bei Hansi Hinterseer, der mir zu der Erkenntnis verholfen hat, dass es sich bei den Betreibern dieser Seite um ausgesprochen sozial engagierte und überaus humane Bürger handelt, die mit allen Vieren fest in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verankert sind.

        • Was den Slamek und mich betrifft: mit allen Fünfen im Grund und Boden fest verankert! Zeitweilig auch teilweise mit Fußfesseln und Ketten. (Ob wir humanoide Bürger – oder überhaupt humanoid – sind, wird in Fachkreisen noch diskutiert.)

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