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Abenteuer in Deutschland

Die Bahn kommt | Teil eins

Die Bahn kommt | Satire

Hinfahrt

Es war kurz vor Ulm, als der ICE auf freier Strecke stehen blieb.

Ich wollte nach Krüzlsgrottenhausen in der Pfalz – von München aus, Abfahrt 11.26 Uhr. Nur einmal umsteigen, zwanzig Minuten Zeit zum Umsteigen – sagte der Plan.
Die Durchsage des Zugführers teilte mit, dass die Lok ‘Probleme habe’; mir kam der ehemalige DB-Werbespot in den Sinn – die ineinandergreifenden Trapezkünstler in der riesigen Bahnhofshalle – Sinnbild für sekundengenaues Timing.

Aber ich hatte zwanzig lange Minuten Puffer zum Umsteigen, die Verbindung war noch lange nicht verloren. Denn nach zehn Minuten fuhren wir wieder an. Hoffnung keimte wild und kurz auf.
Kurz nach Ulm ließ die Geschwindigkeit des Zugs rapide nach; mit rapide meine ich, dass ich die Ameisen zählte, die neben den Schienen patrouillierten. Die Durchsage informierte jetzt, die Lok ‘habe nur noch wenig Kraft’. Aber trotzdem würden wir ‘versuchen, Stuttgart zu erreichen’.
Danach gab es die Durchsage einer stammelnden Servicefrau, die den lieben Fahrgästen mitteilte, dass es wegen eines küchentechnischen Defekts im Bordrestaurant keine warmen Speisen gebe heute; dafür aber hätten sie Schokokuchen im Sonderangebot für 4,80 Euro. Hatten die in ihrer Kindheit ihre Freizeit damit verbracht, sich gegenseitig Blumentöpfe an den Kopf zu werfen?

Inzwischen war ich froh, dass ein ICE im Unterschied zu einem Flugzeug wenigstens nicht abstürzen konnte, und vertiefte mich wieder in meinen Dostojewski (780 Seiten) – zu lesen hatte ich genug dabei, um eine Reise zum Jupiter zu überstehen. Nach Stuttgart waren es mit voller Lok-Kraft schon fast vierzig Minuten. Derweilen steigerten weitere Durchsagen die Heiterkeit im Abteil; als Stuttgart wider ernsthaften Erwartens erreicht wurde, bot man den lieben verständnisvollen Fahrgästen als ‘kleine Wiedergutmachung’ ein alkoholisches Freigetränk an, das man sich im Bordrestaurant holen konnte – gegen Vorlage der Fahrkarte, des Personalausweises und eines ärztlichen Gutachtens. Die Korrektur kam zwei Minuten später angestammelt: “Entschuldigung, ein nicht-alkoholisches Getränk können Sie sich holen.”

Das wollte ich mir anschauen! Ganz genau wie ich’s dachte! Bis zum Bordrestaurant brauchte ich sieben Minuten, konnte aber nicht hinein, wegen der anderen hundertfünfzig Fahrgäste, die in einer Schlange standen für ein freies Mineralwasser, während irgendwo weit hinten eine einzige Servicefrau bei jedem einzelnen aufgrund von Fahrkarten kontrollierte, ob er auch berechtigt war, ein Mineralwasser zu kriegen (nur die vor Stuttgart Zugestiegenen waren berechtigt).

Wir erreichten Mainz mit der Durchsage, wir hätten zwar siebzig Minuten Verspätung, aber es würden noch dreißig zusätzlich werden (also hundert dann), weil der Zug wegen einer Baustelle neben dem Rhein umgeleitet würde, ähm, liebe verständnisvolle Fahrgäste. Mineralwasser gab es diesmal keins (vielleicht hatte sich die Servicefrau inzwischen aus dem Zug gestürzt), dafür gab es die immerhin gute Nachricht, dass wir genug Sauerstoffreserven an Bord hatten, um mindestens zehn Stunden zu überleben.

Mein Anschluss auf meinem Zugverbindungsplan war hinüber, deshalb fragte ich einen Schaffner, ob ich Chancen hätte, bis zum Morgengrauen nach Krüzlsgrottenhausen durchzukommen. Den Ort kannte der Schaffner nicht, er wollte sich jedoch im ‘Kursbuch schlau machen’, wie die Anschlüsse dorthin seien, sagte er, bevor er fort eilte und für immer aus meinem Leben verschwand.

In Koblenz ausgespuckt erfuhr ich von einem Schaltermenschen, dass es noch einen Weg nach Krüzlsgrottenhausen gab, “Ha-ha, da fährt ein Zug in zwanzig Minuten, da haben Sie sogar noch zwanzig Minuten Zeit, in Ruhe das Gleis zu finden!”, analysierte er, lag aber falsch, weil ha-ha! ich hatte sogar hundertzehn Minuten Zeit, das Gleis zu finden, weil ha-ha! ein Leitungsschaden die Abfahrt um zusätzlich eineinhalb Stunden verzögerte, wir bitten um Ihr Verständnis!
Als ich doch noch, trotz Deutscher Bahn, Krüzlsgrottenhausen erreichte, dankte ich kurz Gott.

Lesen Sie in Teil zwei, wie der Fahrgast mit der Bahn zurück ‟fährt”: Zu Teil zwei

© 2013 Robert Reitz – Die Bahn kommt | Foto: Robert Reitz 2013

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