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Abenteuer in Deutschland

Die Bahn kommt | Teil zwei

Die Bahn kommt | Satire

Rückfahrt

Krüzlsgrottenhausen nach München. Diesmal zwei mal umsteigen, sagte mein Zugverbindungsplan. Beim ersten Mal in Koblenz hatte ich fünfzehn Minuten Zeit zum Umsteigen, das musste reichen, weil irgendwann ein Zug auch mal weniger als zehn Minuten Verspätung haben musste, sagte die Hoffnung. Für das zweite Umsteigen hatte ich drei Minuten; welcher wurmhirnige Die-Welt-nur-aus-dem-Fernsehen-Kenner hatte sich das einfallen lassen? Drei Minuten für einen Anschluss! Das war praktisch gar keine Verbindung, aber ich hatte mich umsonst mit dieser Thematik beschäftigt, weil bereits der erste Zug nicht fünfzig Minuten brauchte, sondern achtzig.

Diesmal verzichteten sie allerdings auf jegliche Durchsagen, weil Information in einem Regionalexpress nicht so wichtig ist. Deshalb befürchtete ich (nach einem Blick auf die Uhr) ein paar schreckliche Minuten lang, Koblenz könnte von der Landkarte verschwunden sein (und wir fahren und fahren und fahren …).

Eine Mitreisende, eine ältere Dame (die mich beruhigte, dass es Koblenz sicherlich noch gebe), war der Meinung, noch hätten wir Glück gehabt. Sie reise von München aus regelmäßig nach Rosenheim, und das immer vom selben Gleis aus, aber das letzte Mal seien ihr die vielen fremden Leute aufgefallen, so habe sie sicherheitshalber den Schaffner gefragt, ob das der Zug nach Rosenheim sei?; jaja, habe dieser gesagt, und dann sei sie eingestiegen, aber habe sicherheitshalber noch mal fragen wollen, als sie drin saß, weil es auch keine Durchsagen gegeben habe, und als nach einer halben Stunde Fahrt ein Schaffner sich blicken ließ, habe sie gefragt, ob der Zug in Rosenheim halte, und der Schaffner habe gesagt: “Nee, der fährt durch!”, und sei dann schnell weiter gegangen. Sie sei ihm nachgeeilt und habe gerufen: “Wohin? Wohin denn durch?”, und dann habe sich der Schaffner unwillig noch mal umgewendet und gesagt: “Nach Rom.” (Wohin sonst?).
Glücklicherweise habe die Lok aber eine Stunde später den Geist aufgegeben und sei auf offener Strecke stehen geblieben, so dass sie noch vor der italienischen Grenze, irgendwo in einem Wald in Tirol, aus dem Zug entkommen konnte und sich per Autostop nach Bayern durchschlug.

Die nächste Verbindung nach Mannheim gab’s in einer halben Stunde (“… auf welchem Gleis wissen wir noch nicht…”) – ‘eigentlich’, wie die Reiseservicezentrumsfrau dort sagte, denn der Zug habe dreißig Minuten Verspätung, wegen der Felsbrocken, die auf den Gleisen lagen.
Sie selbst lag falsch, weil dieser Zug mit sechzig Minuten Verspätung eintraf … für die erste ‘Stunde’ meiner fünfeinhalb Stunden langen Reise hatte ich drei Stunden gebraucht – würde ich als alter Mann in München ankommen? Mit ergrautem Haar aus dem Zug fallen und die letzten Worte krächzen: “Die Bahn… kommt…”?

Ich stieg ein. Die Bahn hatte es insgesamt nicht leicht … Was würde den Zug das nächste Mal aufhalten? Ein Kosakenüberfall? Ein Bauernaufstand? Bürgerkrieg in Hessen? Aus dem Zoo entkommene Känguruherden?
Dann kam heiser krächzend eine Durchsage. Meine Kiefermuskeln verhärteten sich.
“Fahrt … die … München … wichtig … krchz … nutzen Sie … auf Gleis… krchz … in … krchz … danke … Aufmerksamkeit.”

Was!? Den Teufel würde ich tun, diesen Zug noch mal zu verlassen! Er schien fahren zu können, niemals mehr würde ich umsteigen! Stehen blieb er bei Augsburg. Wegen eines besetzten Gleises irgendwo ‘vorn’. Wegen eines verspäteten Zugs. Oder einer defekten Weiche. Oder weil es Winter, Frühling, Sommer oder Herbst war. Ich stieg aus.
Ich erkundschaftete eine Verbindung mit hundertfünfzig Kilometer Umweg über Nürnberg – mit einer Stunde Wartezeit bis zur Abfahrt, die ich mit zwei Bier in einer Bahnhofstränke verbrachte. Als ich zum Gleis zurückkehrte, hörte ich die Durchsage: „Liebe verständnisvolle Fahrgäste auf Gleis 3 …“ – ich blickte hoch zu meiner Gleisnummer – ich war auf Gleis 3, kein Zweifel, ich war betroffen – und grinste jetzt wie ein betrunkenes Krokodil, während mir gleichzeitig die ersten Tränen kamen. Eine verzweifelte Neugier hatte mich gepackt. Was würden sie mir zu sagen haben?

„Liebe verständnisvolle Fahrgäste, leider hat der Zug Intercity XYZ derzeit siebzig Minuten Verspätung – wegen polizeilicher Ermittlungen in den Waggons. Vielleicht wollen Sie die Zeit für persönliche Einkäufe nutzen?“

Ich nahm mir ein Taxi und zerschnitt während der Autofahrt meine Bahncard mit dem Taschenmesser in so viele Teile wie möglich. (Es waren 456).

Epilog: Ich war angekommen, mein Gepäck nicht. Es war verschollen. Um einen Nachforschungsauftrag für mein Gepäck zu stellen, brauchte ich die Servicegepäcknummer, die ich in meinem Gepäck hatte, das verschollen war; aber das ist schon fast eine eigene Geschichte. Und es war doch mein erstes Mal gewesen, dass ich den Gepäckservice der Deutschen Bahn genutzt hatte. Würde ich es nach diesem schrecklichen ersten Mal jemals wieder tun können? Vielleicht, wenn ich mit guten Freunden darüber gesprochen habe.

Lesen Sie auch, wie der ‟Fahr”gast überhaupt mit der Bahn nach Krüzlgrottenhausen gekommen war: Zu Teil eins

© 2013 Robert Reitz – Die Bahn kommt | Foto: Robert Reitz 2013

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