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Eine schöne neue Welt

Die Firma oder Die Beseitigung der Arbeitslosigkeit

22. November 2028, Zeitschrift ‘Der Wirtschaftspakt’:
Interview mit Herrn Anton Nuchthirn, Top-Manager des Automobil-Konzerns IMO anlässlich der Verleihung des Preises “Globalisierungs-angepasstestes Unternehmen Deutschlands“, Frankfurt.

Roboterreporterin: Herr Nichthirn, Ihrem Unternehmen wurde dieses Jahr der Preis für das globalisierungs-angepasstete Unternehmen Deutschlands…

Nuchthirn: Entschuldigen Sie, mein Name ist Nuchthirn.

Roboterreporterin: Was?

Nuchthirn: Mein Name ist Nuchthirn und nicht Nichthirn.

Roboterreporterin: Wie? Ach so, ja.

Nuchthirn: Eben.

Roboterreporterin: Nun, dieser Preis wird alle vier Jahre dem Unternehmen verliehen, das deutschlandweit global gesehen die höchste internationale Wettbewerbsfähigkeit ausweisen kann.

Nuchthirn: Wir haben die Zeichen der Zeit schon sehr früh erkannt, und aufgrund exakter ökonomischer Analysen die Weichen für die Zukunft gestellt. Was wir jetzt ernten, sind die Früchte dieser Anstrengungen.

Roboterreporterin: Wer ist ‘wir’?

Nuchthirn: Nun, das ist IMO, nicht wahr?

Roboterreporterin: Ach so, ja.

Nuchthirn: Eben. Es war damals, als entscheidende Weichenstellungen nötig wurden, eine Frage der Priorität. Es begann im Zeitalter der Globalisierung. Der technische Fortschritt, speziell im Bereich der Computerentwicklung, bedeutete enorme Produktivitätssteigerungen, mehr Effektivität bei sinkenden Personalarbeitsstunden mit beständig steigendem Kapital – wir produzierten so viel wie noch nie mit so wenig menschlichem Aufwand wie noch nie… (er lacht).

Roboterreporterin: Wieso lachen Sie jetzt?

Nuchthirn: Nun, einige Spinner damals glaubten, jetzt käme das Paradies für Menschen, Sie verstehen? Sie kennen doch diese “Science Fictions”, wo sukzessive Maschinen das Arbeiten übernehmen, während Menschen nur noch die wirklich kreativen Tätigkeiten ausüben, über viel freie Zeit verfügen, sich mit Kunst und Kultur beschäftigen und Cocktails trinken, wobei sie in der Sonne liegen…?

Roboterreporterin: Natürlich eine utopische Vorstellung.

Nuchthirn: Utopisch? Keineswegs. Wie gesagt, unsere ‘Maschinen’ ersparten uns ja faktisch Arbeitszeit bei steigender Produktion – genau wie in den “Science Fictions”. Es war vielmehr eine Frage von Priorität; und wir haben uns für Gewinnmaximierung entschieden.

Roboterreporterin: Gewinnmaximierung für die Menschen in unserem Land?

Nuchthirn: Für das Unternehmen natürlich. Schon im Jahr 2000 wäre es bei steigendem Gewinn möglich gewesen, die 20-Stunden-Woche für Mitarbeiter einzuführen, natürlich bei vollem Lohnausgleich und ohne Leute zu entlassen – weil ‘die Maschinen’ die Arbeit beständig effektiver machten, hähä. Aber das hätte bedeutet, den Mehr-Gewinn, den die ‘Maschinen’ einbrachten, aufzuteilen zwischen Unternehmen und Mitarbeitern. Und wäre das auch für uns, für IMO, das Optimale gewesen? Nein. Sie erinnern sich: Gewinnmaximierung. Personalkosten machen aber einen dicken Batzen der Ausgaben aus, weil die Leute unvernünftigerweise im Wohlstand leben wollen, statt den Gürtel enger zu schnallen und dem Unternehmen das Kapital zu vergrößern. Diesen Batzen kann man… besser anlegen.

Roboterreporterin: Oh! Und wie reagierte die Politik, die den Menschen Arbeitsplätze versprochen hatte?

Nuchthirn: Nun, die Politik hat das alles unverzüglich verboten. Sie sagte: ‘Hört sofort auf damit! Eigentum soll auch dem Wohl der Allgemeinheit dienen!’
- Das war jetzt ein Witz.

Roboterreporterin: Ach so, ja.

Nuchthirn: Eben. Sie glauben doch nicht, nationale Regierungen oder Gewerkschaften haben internationalen Konzernen etwas zu sagen?

Roboterreporterin: Und wie ging es weiter?

Nuchthirn: Wir waren damals schon Spitze, im Jahr 2000. Und 2024, als die meisten anderen Automobil-Unternehmen unserer Klasse noch bei 60 bis 70 Prozent Personalabbau dümpelten, hatten wir schon 85 Prozent erreicht! Wir waren führend beim ‘Modernisieren’, beim Senken der Personal- und Lohnkosten.

Roboterreporterin: Was aber auch Konsequenzen hat. Heute liegt die Arbeitslosenquote in Deutschland bei 79 Prozent.

Nuchthirn: Alles Leute, die nicht mehr gebraucht werden, weil es billiger geht.

Roboterreporterin: Nur, wer eigentlich kauft jetzt die teuren Automobile, die Sie herstellen? Arbeitslose können sich die doch nicht leisten?

Nuchthirn: Natürlich nicht. Deshalb haben wir visionär gedacht und ein Tochterunternehmen gegründet, das künstliche Autofahrer herstellt. Diese werden als virtuelle Arbeitnehmer bezahlt, was günstiger ist als echte Menschen zu beschäftigen, da sie nicht auch noch ins Kino gehen und Popcorn fressen oder noch schlimmer – krank werden können (er lacht).

Roboterreporterin: Ihr Unternehmen hat unter anderem den Preis erhalten, weil es das Unternehmen ist, das dem Optimalziel unglaublich nahe ist: Sie sind als Top-Manager und Computerexperte der letzte menschliche Mitarbeiter bei IMO…

Nuchthirn: Sie sagen es. Im Moment bin ich mit der Aufgabe betraut, ein Programm zu installieren, das Top-Manager- und Computerexpertenaufgaben übernehmen kann, ohne diese horrenden Kosten, die Top-Manager- und Computerexpertengehälter verursachen – das wird IMO den letzten entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen!

Roboterreporterin: Das heißt…

Nuchthirn: …dass IMO danach auf mich verzichten kann! Gestern habe ich mir selbst zum nächsten Quartal die Kündigung ausgestellt.

Roboterreporterin: Und Ihren teuren Wagen werden Sie dann verkaufen müssen?

Nuchthirn: Ich bekomme natürlich eine achtstellige Abfindung. Alles hat seinen Preis.

Roboterreporterin: Eine letzte Frage gibt es noch, die mich bewegt. Wer ist IMO denn eigentlich, wenn niemand mehr da arbeitet?

Nuchthirn: Fragt jemand, wer Die Globalisierung ist? Oder Der Wettbewerb? – Wir haben alle unsere Aufgaben. Diese Fragen zu beantworten, gehört nicht dazu.

Roboterreporterin: Ich bedanke mich für das Gespräch.

© 2013 Robert Reitz – Die Firma

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9 Kommentare zu Die Firma

  • Andreas A.

    Ich finde die Idee und das Szenario gut! Vom Inhalt her eine gute Beobachtung, die mich auch zum Nachdenken gebracht hat, was die “Gesetze” der Wirtschaftswelt betrifft.

  • Herbie

    Die Realität ist eine Hure!

    Gehältervergleich

  • Schöner Artikel… dazu fällt mir ein: Denn sie wissen nicht was sie tun.

    Interessant wäre ein Gesellschaftssystem, in welchem die Positionen und Gehälter festgelegt werden, die Personen aber nicht genau wissen, an welcher Stelle sie landen. Lass jemand den Kuchen in zwei Teile aufteilen, aber der Zufall entscheidet, welches Stück er bekommt – nur damit ist gewährleistet, dass beide Stücke etwa gleich groß sein werden.

  • Hunter

    Ist zwar lustig mit der Roboterreporterin, doch liegt hier eine ziemlich scharfsinnige Analyse drin: Niemand, der in “der Firma” arbeitet, profitiert noch von den Gewinnen, denn es arbeitet am Ende niemand mehr da außer Maschinen. Der gesamte Gewinn geht an die anonyme Firma, die selbst nicht arbeitet.

    Das ist nur eine leichte Übertreibung. Es sind die Kapitalhalter gemeint, die (ohne den Finger krummzumachen) abkassieren. Ein wahnwitziges System, wenn auch zur Zeit noch kein Unternehmen ohne Minimalpersonalausgaben auskommt.

    Wer Kapital hat, verdient, auch ohne zu arbeiten.
    Wer arbeitet, verdient kaum, obwohl er die Wertschöpfung erledigt.

  • Appro-Maker

    Intelligenter Text, ich frag mich, wann die Leut mal aufwachen. Ist wie bei Matrix: Alle glauben noch an eine Realität, die nur noch Gaujelei ist.

    Eins ist falsch vorausgesehen, die Zahl der Arbeitslosen. Die wird schön getarnt, indem man die Leut in Billglohnjobs worken lässt für 5,50 die Stunde, 60 Stunden die Woche, wo sie so wenig verdienen, dass sie trotzdem Stütze brauchen – aber “arbeitslos” sind sie dann nicht, schließlich nehmen sie an unserer wunderbaren Arbeitswelt teil!

  • Interessante Aspekt würde ich mal sagen. Um zu verstehen musste ich mehrmals lesen. Mangelhafte Deutschkentnisse halt. Aber es könnte noch schlimmer werden. Wenn man die bittere Erfahrungen der arbeitssuchenden Migranten wie ich und das hier zusammen betrachtet…

  • Anonymous

    Gute Zukunftsanalyse mit Blick auf die vierte industrielle Revolution und fehlende (bildungs-) politische Strategien, um damit umzughen. Bleibt nur die Frage, was mit der immer größeren Zahl an “Fortschritts-” Verlierern weltweit passiert. Irgendwann wird es wahrscheinlich schwierig, sie alle hinter Mauern und Zäunen zu verstecken. Aber vielleicht gibt es ja eine Lösung. Einige Unternehmen planen schon den Rohstoffabbau im Weltall…

  • [...] Reitz – Die Firma | Satire-Clips: Satire, Karikaturen, lustige Videos, Schwarzer Humor & P…. [...]

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