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Albtraum oder Wirklichkeit?

Die unheimliche Verwandlung des Manfred Möhrensack

Po | Foto: © Natja / PIXELIOMein Name ist eigentlich Manfred Möhrensack, Sachbearbeiter von Beruf, und es war vor dreieinhalb Jahren, als die Unergründlichkeit der Existenz sich mir zeigte.
Es war zunächst ein ziemlich normaler Montagmorgen.
Das einzige, was ungewöhnlich war: Trotzdem ich seit dem Aufwachen schon zwei mal Hand an mich gelegt hatte, war ich immer noch geil wie ein versehentlich mit Viagra vollgefressener Kater und dachte die ganze Zeit an Titten und Weiberärsche. Und ich musste unaufhörlich grinsen wie ein chinesischer Boxer. Vielleicht war irgendetwas mit dem Leitungswasser nicht in Ordnung, dachte ich, mit dem ich meinen Kaffee aufgegossen hatte.

Als ich die Wohnung verließ, um zum Getränkemarkt zu gehen, begegnete mir meine Nachbarin Frau Tröpplmeier unten am Eingang. Sie grüßte mich flüchtig mit den Augen, sie erstarrte, als hätte sie sich spontan in Aluminium verwandelt, aber nur für eine Sekunde, dann eilte sie schnell weiter und verschwand.

Auf der Straße starrten mich die Leute an, vor allem junge Mädchen bis höchstens zwanzig. Einige sprachen mich auch an, mit unterschiedlichen Anliegen: Sie wollten ein Autogramm haben, ein Foto “mit uns beiden drauf” oder ein Kind von mir. Ich zog mich taktisch klug in meine Wohnung zurück. Zu groß erschien mir die Gefahr, in wenigen Minuten mehr Kinder zu zeugen als ich ernähren konnte. In meiner Hose war es – unruhig.
Ein Autogramm von mir! Ich war über vierzig und niemals zuvor hatte es fremde Menschen interessiert, ob ich überhaupt existierte. Nichts desto trotz hatte ich alle Autogrammwünsche befriedigt und dasselbe würde ich… naja, Sie wissen schon… gleich noch mal mit mir selber tun.

Mein Anrufbeantworter blinkte, jemand hatte in der Zwischenzeit angerufen.
„Hallo – wir vermissen dich seit einer halben Stunde im Studio. Wo steckst du? Ruf wenigstens an!“, sagte eine Frauenstimme und nannte eine Durchwahl.
Gleich darauf klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich betätigte die Sprechanlage. Es war Lydia, meine Süße. „Hi“, sagte sie. „Ich dachte, ich schau mal auf einen Sprung bei dir vorbei!“
Das klang nach Sex. Als ich öffnete, zerriss es mir fast die Schwellkörper. Lydia lächelte, erstarrte dann und begann zu stottern: „Entschuldigung, ich… ich wusste nicht? Wohnt hier nicht… ich gehe gleich wieder!“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und war schneller verschwunden, als ein Nervenimpuls von meinem Gehirn zu den Stimmbändern brauchte.

Was war los? Hatte ich einen riesigen, ekligen Pickel auf Stirn? Waren mir Antennen gewachsen? Ich ging ins Bad vor den Spiegel, um mich zu überprüfen: nichts. Ich sah so aus wie gestern und letzte Woche und all die Wochen zuvor. Dann ließ ich so lange das Telefon bei Lydia klingeln, bis ich sie in der Leitung hatte. Ich sagte, ich sei’s, Manfred Möhrensack, ihr Lebenspartner. Sie sagte, sie kenne mich nicht, auch sonst keinen Manfred, und meinen Familiennamen hätte sie noch nie zuvor gehört. Außerdem sei sie seit vierzehn Jahren mit einem Kerl verheiratet (dessen Namen nun ich noch nie gehört hatte) und habe zwei Kinder mit ihm: Frank und Egbert. Andererseits, wenn ich sie heiraten wolle, brauche ich es nur zu sagen, sie würde dann die Scheidung einreichen, um Mann und Kinder für mich zu verlassen… Ich legte auf.

Gemälde: "Der Schrei" von Edvard MunchNach dem Gespräch machte ich ein Handtuch nass und schlug es mir so fest ins Gesicht, wie ich konnte, aber es änderte nichts. Wissen Sie, zu diesem Zeitpunkt war ich überzeugt davon, mich in einem besonders scheußlichen Traum zu befinden und wollte nichts als aufwachen. Als das nicht klappte, begann ich damit, nach Fehlern in der Wirklichkeit zu suchen. Deshalb machte ich den Fernseher an – irgendetwas musste anders sein als sonst: Hatten die Amerikaner einem Umweltschutzabkommen zugestimmt? Hatten Juden und Palästinenser einen Friedensvertrag geschlossen? Hatte die deutsche Regierung einen kreativen Plan zur Krisenbewältigung entwickelt? Aber alles war so, wie es gestern schon gewesen war und letzte Woche und all die Wochen zuvor: Die deutsche Regierung hatte keinerlei  Plan (weder einen kreativen noch sonst einen), Palästinenser und Juden brachten sich gegenseitig wie gewohnt um und die Amerikaner schissen auf den Planeten. Es schien die echte Welt zu sein.
Und dann fiel mir Frau Tröpplmeier ein. Sie musste irgendwas wissen! Ich beschloss, bei ihr zu klingeln.

Wissen Sie, im nachhinein betrachtet führte diese Aktivität zu einer Art Katalysierung der Situation (falls es diesen Begriff gibt) und auch zu einer zusätzlichen Krise, aber ich musste es tun. Als Frau Tröpplmeier öffnete, fragte ich geradeheraus: „Entschuldigen Sie die Störung, aber: Wer bin ich?“
„Was?“, sagte sie.
„Können Sie mir sagen, – ich weiß, das ist ungewöhnlich -, wer ich bin? Bitte!“
„Sie“, sagte die Nachbarin, „…sind Dieter Bohlen. Wer sonst?“
Es musste ein Albtraum sein.
„Sind Sie sicher?“, fragte ich.
„Aber Herr Bohlen, ich bitte Sie!“
„Danke!“, sagte ich und taumelte in meine Wohnung zurück. Ich kramte meine Papiere raus, Personalausweis, Führerschein, Geburtsurkunde, alles was ich finden konnte. Mein Name war überall gleich: Dieter Bohlen. Dann klingelte das Telefon und dran war Naddel, – ob ich Lust hätte, mit ihr zu Mittag zu essen? Wir könnten miteinander den nächsten Skandal planen für die Schlagzeilen der BILDZEITUNG (es war schon so lange her) und danach ein bisschen ficken.
Ich sagte, ich würde zurückrufen, und fuhr zu mir ins Büro, obwohl ich Urlaub hatte. Jetzt brauchte ich Gewissheit.

Verstehen Sie: Ich und Dieter Bohlen! Lachhaft!
Als Schüler war im Fach Musik meine Bestnote eine Vier gewesen, und wenn ich im Bad zu trällern begann, gerieten die Silberfischchen in Panik und versuchten verzweifelt zu entkommen. In der kurzen Phase meines Lebens, in der ich Gitarrenunterricht genommen hatte, um Rockstar zu werden, hatte ich die Nervensysteme von drei verschiedenen Gitarrenlehrern zerstört (einer von ihnen hatte nach mir sogar ganz damit aufgehört, Gitarrenstunden zu geben). Ich war nicht in der Lage, etwas Vernünftiges zu schreiben und hasste es, vor der Klasse zu stehen und Referate zu halten. Deshalb hatte ich die mittlere Reife gemacht und war Sachbearbeiter bei einer Versicherung geworden. Mein Leben war ungefähr so ereignisreich wie das eines Kanarienvogels in Käfighaltung (mit dem Unterschied, dass ich nicht singen konnte).

Mein Büro im Gebäude der besagten Versicherung war von einem fremden Kerl besetzt; der Name Manfred Möhrensack war übrigens niemandem ein Begriff, dafür wollten die meisten ein Autogramm von mir. Jetzt fiel mir auf, dass ich beim Unterschreiben automatisch „D Punkt Bohlen“ machte. Ich fuhr heim und rief bei meinen Eltern an, die mir bestätigten, dass ich ihr kleiner Dieter war, und ich solle mich doch mal wieder blicken lassen.

Foto: © bluefeeling / PIXELIOErneut klingelte es an der Wohnungstür. Draußen war ein junger Typ „vom Studio“, um mich abzuholen.
„Studio?“, fragte ich.
„Klar, Studio. Nasse Nacht gehabt, Mann, oder? Aber das Studio kostet 4.000 pro Tag – bis Ende der Woche muss das Album fertig sein.“
„Das Album? Aber das kann doch nicht sein, ich kann weder texten noch komponieren – und singen schon gleich gar nicht!“
„Das wissen wir“, sagte der Typ. „Aber wen stört das schon? Die Zeiten von Pink Floyd sind vorbei! Und jetzt kommen Sie! Die Hauptsache ist, dass die Leute Ihr Zeug lieben. Und sie lieben es, Mann. Sie werden mit Mozart verglichen! Und niemand widerspricht!“
„Wissen Sie, gestern war ich noch nicht Dieter Bohlen“, sagte ich leise, aber längst schon war ich mir nicht mehr sicher, dass das auch stimmte.

Der Tag im Studio war nicht schlecht, und allmählich sickerten die erfreulichen Aspekte der Lage in meinen Kopf: Ohne jegliches Talent war ich ein Star und verdiente 20 mal so viel Schotter wie bisher mit einem Zehntel der Anstrengung, während ich mich in den Pausen durch Heerscharen von Teenie-Groupies fickte, die vor dem Studio warteten.
Selbst die ‚Krise’, von der am nächsten Morgen in der BILDZEITUNG die Rede war, würde nur die Neugier der Massen auf mein neues Album verstärken, sagte der Manager meines Labels, und zwinkerte mir zu. Meine Nachbarin, die Tröpplmeierin, musste gestern gleich nach unserem Intermezzo in der Redaktion angerufen haben.
„DIETER BOHLEN IN IDENTITÄTSKRISE!“, hieß es auf Seite eins. „Bohlen weiß endgültig nicht mehr, wer er ist und was er tut!“ Darunter ein Bild von mir.
So wie ich ausgesehen hatte gestern und letzte Woche und… all die Wochen zuvor.

© 2011 Robert Reitz – Die unheimliche Verwandlung des Manfred Möhrensack

Fotos: Po – © Natja | Groupies – © bluefeeling / beide PIXELIO | “Der Schrei” von Edvard Munch (gemeinfrei)

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