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Auf der Suche nach deiner inneren Weiblichkeit

Finde dich selbst!

Satire Hypnotherapie | © Bernd Wachtmeister / PIXELIO / www.pixelio.deEinatmen und wieder ausatmen, ein und aus. Sie sind ruhig, gaaanz ruhig, ruhig und entspannt. Ihre Arme werden schwer, gaaanz schwer“, säuselt die monotone Stimme. Ich fühle mich verkrampft, und meine Arme werden nicht schwer. Ich werde nervös. Ehrlich gesagt geht mir die Stimme von Ulla, wie sich die Visualisierungstherapeutin nennt, auf den Keks. Die Walgesänge im Hintergrund zerren an meinen Nerven. Ich werde aber nicht aufgeben und mich zwingen, mich zu entspannen. Immerhin habe ich 350 Euro für das Seminar bezahlt: „Hypnotherapie – entdecke durch die tiefenentspannende Visualisierungstechnik die innere Kraft deiner Weiblichkeit und deine geheimen Wünsche“. Ulla verlangt fast 25 Euro pro Wort, schießt es mir durch den Kopf. Halt, ich bin nicht hier, um zu rechnen, sondern um meine geheimsten Wünsche kennen zu lernen.

Schuld daran, dass ich an dem Seminar teilnehme, hat meine Freundin Kirsten. Sie hat mich überredet und mir den Flyer von Ulla in die Hand gedrückt. Die Stelle „Sie erhalten eine für Sie entscheidende Botschaft, die Ihre Zukunft beeinflussen wird“ hat mich dann doch neugierig gemacht. Schaden kann es ja nicht, auf sein Innerstes zu hören. Und so liege ich hier auf einer unbequemen Matte mit vierzehn weiteren Frauen, die die innere Kraft der Weiblichkeit heraufbeschwören wollen. „Sie befinden sich in einem Wald.“ Aha! Ich versuche mir einen Wald vorzustellen. Ein bisschen konkreter hätte Ulla dabei schon sein können. Handelt es sich um einen Mischwald oder einen Nadelwald? Sind die Bäume krank oder gesund? Als ich vor einer Woche im Wald spazieren ging, habe ich viele kranke Bäume mit braunen Blättern gesehen. Ich werde traurig. Vielleicht soll ich mir ja einen Tropenwald vorstellen, aber wie sieht der eigentlich aus? Gar nicht so einfach.

Kranke Bäume |  © Hannelore Dittmar-Ilgen / PIXELIO / www.pixelio.deWenn Sie keinen Wald sehen, ist das auch o.k.“, säuselt Ulla weiter.
Wie, das ist auch o.k.?! Wieso bezahle ich denn, wenn das Kopfkino gar nicht funktioniert? Also, der Wald muss ja wohl mindestens drin sein, Ulla. Oder heißt es etwa am Ende, falls ich die versprochene entscheidende Botschaft für meine Zukunft gar nicht hören sollte auch nur: „Und wenn Sie keine Botschaft empfangen, dann ist es auch o.k.“ Ob Ulla mir dann mein Geld zurückgeben würde? Falls nicht, sollte sie vielleicht die äußere Kraft meiner Faust kennenlernen.

Sie laufen weiter durch den Wald, immer weiter, und plötzlich steht dort ein Reh.“ Mist, meine Gedanken haben mich aus dem Visualisierungsmodus gebracht, die anderen sehen schon das Reh und ich steh’ noch im Wald. Ich muss mich beeilen. Also renne ich durch den Mischwald an einigen kranken Bäumen vorbei. Wo ist das verdammte Reh? Jedes halbwegs kluge Reh würde doch das Weite suchen, wenn es sehen würde, wie ich durch den Wald trample. Ich sehe also das Hinterteil des davon rennenden, von Panik ergriffenen Rehs. Armes Tier! „Sie folgen dem Reh“, fordert uns Ulla mit weicher Stimme auf. Wie soll das denn gehen, Ulla? Mal einem Reh hinterher gerannt? Ich lege also noch einen Zahn zu, bin schon völlig aus der Puste.

Sie kommen an eine Lichtung. Vor Ihnen liegt eine Wiese. Eine Frau in einem weißen Kleid steht auf der Wiese und hält eine Mohnblume in der Hand.“ Ich bin völlig überfordert. Mohnblumen wachsen auf Feldern und nicht auf Wiesen, das müsste Ulla doch wissen. Und welche normale mitteleuropäische Frau trägt schon ein weißes Kleid? Auf blasser Haut sieht weiß einfach scheiße aus. Weiße Kleider tragen nur knackig braune Models aus dem Otto-Katalog. Oder Bräute. Aber wieso sollte eine Braut auf ihrer Hochzeit in einem Mohnfeld stehen und eine Mohnblume in der Hand halten? Anscheinend weiß Ulla nicht, dass Mohnblumen sofort die Blüten verlieren, wenn man sie pflückt. Man kann diese Blume also nicht in die Vase stellen. Das ist wirklich schwach von Ulla. Ulla hätte schon ein bisschen Recherchearbeit leisten können. Aber ich will nicht so kleinlich sein. Also versuche ich mir eine Frau vorzustellen. Sicher sehen die anderen Teilnehmerinnen eine schöne, junge Frau vor ihrem geistigen Auge. Sicher hat die Frau eine wallende Mähne in einer kräftigen Farbe – schwarz, kastanienbraun, goldblond oder kupferrot. Sie ist bestimmt ein Sinnbild der Reinheit und Unschuld in ihrem weißen Kleid. Eher eine Erscheinung als ein menschliches Wesen. Ich werde wütend. Ich weigere mich, dieses Klischee zu sehen. Wieso müssen die Frauen immer schön und jung sein? Ich male ein anderes Frauenbild. Meine Frau ist Mitte 70, hat Falten im Gesicht, schlaffe wabbelige Haut und leidet an Demenz, sonst würde sie nicht mitten am Tag einsam auf einer Wiese im Wald stehen und Mohnblumen pflücken. Meine Frau im weißen Kleid hat kurze graue Haare, außerdem ist sie dick und die Beine sind nicht rasiert. Unter ihren Achseln wachsen lange dunkle Haare, ein richtiger Busch. Und sie schwitzt. Denn Frauen schwitzen auch. Ich bin zufrieden.

Mohnfeld | © Frezzo / PIXELIO / www.pixelio.deIch habe noch ein anderes Bild im Kopf. Bei Mohnfeld fällt mir spontan Drogenanbau ein. Das würde Sinn ergeben. Genau, ich stelle mir eine Afghanin vor. In einer blauen Burka. Sie erntet Mohn, weil sie fünf hungrige Mäuler zu stopfen hat. Bei den Kindern handelt es sich um Mädchen, und der Ehemann wird die Frau in der Burka so lange schwängern, bis der ersehnte Stammhalter das Licht der Welt erblickt. Jeden Tag begibt sich die Frau, wie hundert andere Afghaninnen, für ihre Familie in Gefahr, und wenn ihr etwas zustößt, wird keiner der Dorfbewohner ihr Gesicht vermissen. Ich werde sauer.
Sehen Sie die Frau vor sich? Wenn nicht ist es auch ok.“ Ich sehe nicht nur eine Frau, sondern zwei. Jetzt habe ich wieder ein Problem. Ich kann mich nicht entscheiden, welcher meiner beiden Frauen ich den Vorzug geben soll. Der dementen Dicken mit der Achselbehaarung oder der Frau in der Burka? Mal sehe ich die eine, dann die andere. Die Dicke muss auf Toilette und pinkelt ungeniert, weil dement, auf die Wiese. Ulla mischt sich wieder ein. „Die Frau mit der Mohnblume hat etwas gesehen. Schauen Sie genau hin. Sehen Sie, was es ist?“ Gute Frage. Was könnte die Dicke sehen? Sie sieht Kinder, die mit den Fingern auf sie zeigen. Sie lachen die pinkelnde Dicke aus. Kinder können grausam sein.

Die Afghanin hat gerade wieder Mohnblumen geerntet und hört ein Geräusch. Sie schaut auf und blickt in ein auf sie gerichtetes Gewehr. „Und jetzt hören Sie die Botschaft“, kommt Ulla zum Höhepunkt der Visualisierung. „Gleich spricht Ihr tiefstes Inneres zu Ihnen.“ Ich sehe beide Frauen nebeneinander. Die Dicke ist für einen kurzen Moment wieder klar im Kopf, auch die Frau in der Burka hat eine Eingebung. Beide öffnen den Mund. Und jetzt höre ich sie ganz deutlich. Die Dicke und die Frau mit der Burka sagen gleichzeitig: „Was mache ich hier eigentlich?!
Und wissen Sie was? Ich habe die Botschaft verstanden.

© 2011 Claudia Rengür – Finde dich selbst!

Fotos (von oben nach unten): © Bernd Wachtmeister | © Hannelore Dittmar-Ilgen | © Frezzo / PIXELIO

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