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Wege in die soziale Isolation

Fischgeruch macht einsam

© korneloni / PIXELIO / www.pixelio.deKein Schwein ruft mich an, seit ich ein Aquarium habe. Dabei habe ich mir das Aquarium extra dafür gekauft, damit ich nicht immer solche Langeweile habe, wenn jemand anruft. Wenn man angerufen wird, sitzt man immer da und ist auditiv gänzlich ausgelastet, aber visuell total unterversorgt. Man kann die Tapete angucken oder das Panorama vor dem Fenster, aber das ist speziell bei längeren Gesprächen auch nicht unterhaltsam, und der medial geprägte Mensch der Neuzeit ist es nun mal nicht gewohnt, über einen längeren Zeitraum hinweg Mangel an auditiv-visueller Unterhaltung zu leiden.

Aus diesem Grunde also habe ich mir das Aquarium gekauft. Und weil auch ein Aquarium für sich keinen hohen Unterhaltungswert hat, habe ich Wasser hinein getan und in das Wasser auch noch eine Posthornschnecke, zwei Turmdeckelschnecken und einen Haufen Zwerggarnelen.

Die Zwerggarnele ist ein ausgesprochen angenehmer Hausgenosse. Man muss sie nicht Gassi führen, sie braucht auch kein Katzenklo, das man dann immer sauber machen muss, und wenn sie krank wird, spült man sie einfach im Klo runter. Sie macht auch nicht ewig Lärm wie meine Katzen. Die Katzen machen immerzu Lärm. Entweder sie schmeißen grade was runter, oder sie kotzen unter enormer Geräuschentwicklung, oder sie labern einen voll. Katzen labern einen immer voll. Immer steht irgendeine Katze auf dem Schreibtisch und labert was. (Jetzt auch wieder.) Ich weiß nicht, was die Katzen labern, und ich will es auch gar nicht wissen, aber ich vermute, dass es dem menschlichen Gelaber an Belanglosigkeit in nichts nachsteht, wahrscheinlich labern sie über den letzten Tierarztbesuch oder Hüftschmerzen oder dass alles immer teurer wird oder dass wir mal über unsere Beziehung reden müssten. Irgendsoein Scheiß halt. Was einem eben auch Menschen so erzählen, wenn sie einen anrufen.

Meine Freundinnen jedenfalls haben, bevor ich mir das Aquarium gekauft habe, gerne bei mir angerufen, um vorzugsweise über Beziehungen zu labern. Also jetzt nicht über meine Beziehung zu der jeweiligen Freundin, sondern über die Beziehungen der jeweiligen Freundin zu irgendwelchen Herren. Warum sie das immer gemacht haben, ist mir ebenso rätselhaft wie warum meine Katzen mich immer voll labern, obwohl ich doch gar nicht der heilige Franziskus bin. Ich bin unheilig und ungesellig und kann weder Katzensprache noch Paartherapie. Aber weil ich außerdem auch noch nicht unhöflich bin, höre ich mir das Katzen- und Freundinnengelaber immer an und gucke dabei ins Aquarium.

heiliger Franziskus | public domainIm Aquarium ist immer mächtig was los. Mal ist Paarungsschwimmen, dann wieder werden die Schnecken herum getragen, oder ein dahin geschiedener Artgenosse wird zerteilt und aufgegessen. Neulich hat sich eine Garnele vor meinen Augen gehäutet, was ich sehr aufregend fand. Damit die Freundinnen auch am Geschehen teilhaben können, gebe ich es immer brandaktuell an sie weiter. Aber irgendwie freuen die sich gar nicht, wenn ich sie mitten in ihrem stundenlangen Beziehungsgelaber darüber in Kenntnis setze, dass Chantal schon wieder schwanger ist oder Pissnelke soeben den Kopf in den Ausströmer gesteckt hat und jetzt nur noch apathisch mit der Flosse zuckt. (Pissnelke war immer so hepatitisgelb gefärbt, obwohl er eine Red Fire-Garnele war, bis er halt den Kopf in den Ausströmer gesteckt hat, der dann leider abgerissen ist, als ich ihn rausziehen wollte. Aber warum um alles in der Welt steckt man auch bitte schön den Kopf in den Ausströmer?)

Jedenfalls, jetzt habe ich also das Aquarium, damit mir nicht immer so langweilig ist, wenn meine Freundinnen mich voll labern, und jetzt ruft mich keine Sau mehr an. Und ich sitz hier mit zwei Laberkatzen und dreißig Red Fire-Garnelen und habe überhaupt keine sozialen Kontakte mehr. Wie der verdammte heilige Franziskus. Der hatte auch nur noch die Vögel zum Predigen.

© 2012 Bianka Tewes – Fischgeruch macht einsam

Foto: © korneloni / PIXELIO

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4 Kommentare zu Fischgeruch macht einsam

  • Der Josy

    Telefonate mit Freundinnen einzustellen, die mit ihren Geschichten den falschen Eindruck vermitteln, das Leben wäre interessant und manchmal passierten aufregende Dinge – ist ein wichtiger erster Schritt in die Depression. Fische und Garnelen bei ihren erfolgreichen oder erfolglosen Selbstmordversuchen zu beobachten ist folgerichtig der zweite. Um sich wirklich die Bedeutungslosigkeit und Sinnlosigkeit alles Seienden gegenwärtig zu machen, solltest du aus dem Aquarium das Wasser ablassen und den Bewohnern (nach deren Agonie) beim Verwesen zusehen (dritter Schritt).

    Dies kann viele Tage dauern, danach solltest du deine Anhaftung an die generelle Existenz überwunden haben und bist bereit, deinen Kopf in den Ausströmer zu stecken. Hauptsache, es holt dich endlich jemand raus da!

    • Bianka

      Das ist nicht gut durchdacht, Herr Josy, denn der Ausströmer ist Teil des Innenfilters, und der wiederum ist nur sehr bedingt trockenlaufgeeignet, was bei mehrtägiger Verwesungsbeobachtung nach Aquarienentwässerung einen technischen Defekt zur Folge hätte, welcher sich negativ auf meine suizidale Dekapitationstendenz auswirken würde.

      Davon abgesehen passt mein Kopf gar nicht in den Ausströmer.

  • Dauerständer

    Frau Tewes, warum machen Sie es sich so kompliziert? Ich schalte, sobald mich jemand anruft, immer den Fernseher ein, damit ich mich bei den Belanglosigkeiten, die so an mich herangetragen werden, nicht all zu sehr langweile. Außerdem habe ich mir so eine Stadion-Gashupen-Tröte gekauft (nur 5 Euro bei Amazon), damit tröte ich sofort in den Hörer, sobald das Thema auf nervige Beziehungsthemen kommt. Das wirkt Wunder! Inzwischen erzählt mir keiner meiner Freunde mehr sowas. Eigentlich ruft noch nicht mal mehr einer von denen an. Insofern kommt es fast aufs Gleiche wie bei Ihnen heraus, nur dass ich den Vorteil habe, nicht auch noch irgendwelche Leichenteile aus technischen Gerätschaften pulen zu müssen!

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