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Zahlt das denn die Krankenkasse?

Glaukomscreening mit Gratis-Streichwurst

© Gerd Altmann / PIXELIO / www.pixelio.deWenn Sie das hier lesen, vernachlässigen Sie Ihre Gesundheit und fügen leichtfertig der Solidargemeinschaft der Pflichtversicherten einen nicht unerheblichen Schaden zu! Wieso sind Sie nicht bei der Vorsorgeuntersuchung, anstatt sich auf irgendwelchen halbseidenen Satireseiten rumzutreiben?

Und kommen Sie mir jetzt bloß nicht mit: Was für Vorsorgeuntersuchungen? Wenn Sie dieses Jahr schon mal beim Arzt waren, weil Ihre Nase lief oder ein Juckreiz im Analbereich Sie quälte, dann ist Ihnen auch garantiert eine Vorsorgeuntersuchung angetragen worden.

Mir jedenfalls werden andauernd kostenpflichtige Vorsorgeuntersuchungen und Zusatzleistungen angetragen, ohne die ich den warnenden Worten des antragenden Arztes zufolge unausweichlich heimtückisch schleichenden Gebrechen anheimfiele, woran ich dann im Falle einer leichtfertigen Nichtinanspruchnahme der vorsorglich untersuchenden ärztlichen Kunst auch noch selber schuld wäre.

Das möchte ich natürlich nicht. Man kriegt ja so schon ständig irgendwelche schleichenden Gebrechen, was an sich schon schlimm genug ist. Wenn man schon von schleichenden Gebrechen heimgesucht wird, möchte man doch wenigstens reinen Gewissens heimgesucht werden und sich nicht den Vorwurf machen, dass man selbst daran schuld ist, von dem schleichenden Gebrechen heimgesucht worden zu sein, weil man ja nicht zur kostenpflichtigen Vorsorgeuntersuchung gegangen ist, wie es einem der Arzt geraten hat. Man will auch nicht schuld dran sein, wenn man das Gesundheitssystem zum Einsturz bringt, weil man zu geizig für die kostenpflichtige Vorsorgeuntersuchung war. So ist der Mensch nun mal gestrickt.

Ärzte wissen das, und darum bezahle ich mittlerweile beim Zahnarzt eine zusätzliche Zahnreinigung mit Minzpolitur und beim Gynäkologen ein Tittenultraschall. Zu mehr reicht es dummerweise aufgrund meiner Tätigkeit im Niedriglohnsektor nicht, weswegen ich ein permanent schlechtes Gewissen, eine ungewisse Anzahl schleichender Gebrechen und die schwere Last der Sorge um die Zukunft des deutschen Gesundheitssystems mit mir umher trage. Zum Beispiel bin ich gegen den dringenden Rat des Augenarztes niemals zum Glaukom-Screening gegangen. Und das, obwohl die Augenarztpraxis das Glaukomscreening zum absoluten Schnäppchenpreis anbot, weswegen alle dort sehr aufgeregt waren.

Ich war aber auch gar nicht wegen des Glaukomscreenings zum Augenarzt gegangen, sondern weil die Geschäftsleitung darüber rumgemeckert hatte, dass ich unsere Kundschaft böse anstierte. Nicht, dass unsere Kundschaft es nicht verdient hätte, böse angestiert zu werden. Unsere Kundschaft sagt nie Guten Tag, wohl aber, dass alles immer teurer wird und dass sie keinen Kassenbon will, weil sie den nicht von der Steuer absetzen kann. Dennoch war ich überrascht zu hören, dass ich die Kundschaft böse anstiere. Ich hatte immer geglaubt, meine Mimik sei längst aufgrund der eintönigen allesimmerteurer-Litanei zu absoluter Ausdruckslosigkeit erschlafft.

© Lisa Spreckelmeyer / PIXELIO / www.pixelio.deDie Ursache des bösen Stierens lag, wie sich herausstellte, aber gar nicht in einer meinerseitigen Antipathie gegenüber der Kundschaft begründet, sondern in meiner nachlassenden Sehkraft. Man wird ja nicht nur selber älter, sondern überraschenderweise auch alles an einem dran, die Augen beispielsweise. Wenn ich irgendwas am Computer mache und es kommt ein Kunde rein, dann gerät meine Mimik im Bemühen um Fokussierung in Bewegungen, die nicht nur bei Botox-Ärzten Panikattacken auslösen würden.

Ich ging auch nicht zum Botoxarzt, sondern zum Augenarzt, nachdem ich sechs Wochen auf einen Termin gewartet hatte. Den sechs Wochen zum Trotz war man gar nicht auf mich vorbereitet. Ich musste am Empfang in einer Schlange stehen und wurde dann ins Wartezimmer geschickt. Immerhin gab man mir mit aufgeregten Worten etwas zu lesen mit, nämlich einen Flyer über Glaukomscreenings zu Schnäppchenpreisen.

Flyer über Glaukomscreenings gehören nicht zu meiner Lieblingslektüre. Ein Thriller über einen psychopathischen Serienkiller wäre mir lieber gewesen. Wenn ich keine Thriller über psychopathische Serienkiller zu lesen kriege, lese ich lieber gar nichts, da bin ich konsequent. Eine Dreiviertelstunde lang versuchten sie, mich zu zermürben, aber ich blieb hart und las den Scheißflyer nicht. Schließlich sahen sie ein, dass ich nicht der Typ bin, der unter der hochnotpeinlichen Befragung klein beigibt, und holten mich ins Behandlungszimmer.

Ich wurde auf einen Stuhl gesetzt und gefragt, ob ich den Flyer schon gelesen hätte. Als ich leugnete, zwangen sie mich, erstmal ein paar unzusammenhängende Buchstaben auf einer Leuchttafel zu lesen, und verklappten mich dann für eine weitere Viertelstunde ins Wartezimmer, wo ich mir die Zeit damit vertrieb, aus dem Flyer einen Papierflieger zu basteln. Die würden schon sehen, was sie davon hatten!

Endlich sahen die weißbekittelten Schergen ein, dass sie so bei mir nicht weiter kamen. Man schleppte mich vor den Großinquisitor persönlich, der sich etwa dreißig Sekunden lang mit meinen Augen beschäftigte, mir eine Lesebrille aufschrieb und sodann seinen Stuhl vor meinen rollte, um mich mit eindringlicher Stimme auf das in seiner Praxis erhältliche Glaukomscreening zum Knallerpreis aufmerksam zu machen. Allmählich deuchte ich mich auf einer Kaffeefahrt. Nur dass man da wenigstens noch ein Kilo Streichwurst kriegt, wenn man die Heizdecke kauft.

Ich habe mir jetzt in der Drogerie eine Lesebrille für 3,99 gekauft und stiere die Kunden nur noch böse an, wenn sie den Kassenbon nicht haben wollen, weil sie ihn nicht von der Steuer absetzen können. Und zum Glaukomscreening gehe ich erst, wenn es dafür Gratis-Streichwurst gibt!

© 2012 Bianka Tewes – Glaukomscreening mit Gratis-Streichwurst

Fotos: © Gerd Altmann | © Lisa Spreckelmeyer / beide PIXELIO

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4 Kommentare zu Glaukomscreening mit Gratis-Streichwurst

  • Hans Wurst

    Nimm doch nächstens einfach deine eigene Streichwurst mit und schmiere damit alle Flyer und den Artz, sobald er davon anfängt, großzügig ein.

  • Bianka

    Sehr geehrter Herr Wurst,

    Sie gehören ganz offensichtlich zu den Glücklichen, die mit einer sehr robusten Gesundheit gesegnet sind und selten einen Arzt aufsuchen müssen. Sonst wüssten Sie, dass die durchschnittliche Untersuchungsdauer, die ein Facharzt einem Kassenpatienten zugesteht, nie und nimmer für eine Ganzarztbeschmierung mit Streichwurst ausreicht.

    • Slamek Oswalek

      Man muss ja nicht immer gleich aufs Ganze gehen! Ich denke eine Streichwurstteilarztbeschmierung könnte den Onkel Doktor auch schon zum Nachdenken anregen – selbst bei einer durchschnittlichen Untersuchungsdauern jenseits der 30 Sekunden! Eine Ganzarztbeschmierung hingegen kommt wohl nur für solidarische Privatpatienten in Frage.

      • Der Josy

        Wichtig, sei angemerkt, ist es hierbei, die eigene Streichwurst arztpraxlich vor Ort zur Hand zu haben – und darauf zu bestehen, diese für die Anwendung zu benutzen. Der Preis von der Pharmaindustrie zur Verfügung gestellter Wurst beträgt 47,50€ für 100g – schon mancher Angeschmierte landete auf solche Weise in einem Schuldenloch.

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