Share |
36 Besucher online


Satiren Suchen

Folge uns auf Twitter!

SatireClips auf Twitter

Folge uns auf Google+

SatireClips bei Google+

Letzte Kommentare

    Kalle Wumpe - 19.04.14
    Die Retter an der S-Bahn
    Kalle Wumpe - 18.04.14
    Der Fuß ist das Ziel
    Radrick - 15.04.14
    WM 2010: Tod den Vuvuzelas!
    Ardtnethaclallu - 15.04.14
    Der Frauenflüsterer TK 3000
    Aziz - 15.04.14
    Ein Gott gibt auf {2}
    Maxat - 15.04.14
    Schlau mit Chip: Die Bildungscard kommt

SatireClips Newsletter

SatireClips RSS-Feed

Weihnachten

Harmonie, die Geißel der Menschheit

Weihnachten Satire | © Pambieni / PIXELIO / www.pixelio.deObwohl ich seit einiger Zeit eine Atheistenzeitschrift abonniert habe, würde ich mich durchaus nicht, wie man ja mit Fug und Recht vermuten könnte, als dem weihnachtlichen Brimborium abholder Mensch bezeichnen. Nicht dass mich Weihnachten nun gerade in einen Zustand seligen Verzücktseins versetzen würde, das nun auch nicht, dafür ist zuviel George Michael in der Welt, der “Last Christmas” schmachtet, wo man geht und steht. Wenn man besonders viel steht, so wie ich, denn ich bin Verkäuferin, dann ist das besonders peinsam, weil man das Stehen gar nicht umgehen kann, z. B. durch Weglaufen, und somit George Michael erdulden muss, wann immer er “Last Christmas” schmachtet.

Und wenn man da arbeitet, wo ein gewissenloser Chef den lokalen Dudelfunk zur Kundenbeschallung eingeschaltet hat, dann schmachtet George Michael ganz schön oft, das kann ich Ihnen sagen. Quasi ununterbrochen. Ohne dass sich jemals die Gewerkschaft dagegen empört, wie sonst gegen jeden Firlefanz.

Jedenfalls, trotz der George-Michael-Dauerbeschallung, gegen die jede 40-Stunden-Woche ein Scheiß ist, trotzdem finde ich Weihnachten ansonsten überhaupt nicht doof. Gerne hänge ich Sachen an Bäumchen, noch lieber stopfe ich mir Kekse in den Schlund, die liebe Menschen für mich gebacken haben, und am allerliebsten bekomme ich Geschenke. Ich finde das auch gar nicht stressig. Warum allenthalben über den weihnachtlichen Geschenkestress gewehleidet wird, das ist mir gänzlich unerklärlich.

Tannenbaum Weihnachtsbaum | © Karl-Michael-Soemer / PIXELIO / www.pixelio.deUnd es wird allenthalben gewehleidet. Man kann ja froh sein, wenn man, so wie ich, ein misanthropischer alter Schrat ist, der sein Heim und sein Tannebäumchen mit zwei nicht minder misanthropischen alten Katern teilt. Vor ein paar Jahren war es noch absolut en vogue, sich als einsamer Griesgram an Weihnachten zu entleiben, weil einem dann angesichts der allgegenwärtig hinter heimeligen Butzenscheiben stattfindenden familiären Harmonie klar wurde, was für ein einsamer Griesgram man doch eigentlich ist. Zum Glück für mich ist das aber ganz aus der Mode gekommen, denn die Medien haben längst eine neue Zielgruppe für den unvermeidbaren weihnachtlichen Katastrophentrend ausgekundschaftet.

Brandaktuell sind nämlich die Familien dran, die bis vor kurzem noch hinter heimeligen Butzenscheiben lustig vor sich hin harmonierten, während draußen im eisigen Wind finsterer Winternächte die einsamen Griesgrame sich scharenweise entleibten. Wohl aus diesem Grund gibt es nun keine einsamen Griesgrame mehr, abgesehen von mir, und ich habe nicht vor, mich zu entleiben, denn dann müssten meine Kater ins Tierheim, und da ist es doof, vor allem für Kater und speziell für griesgrämige.

Mit dem Aussterben der Griesgrame jedenfalls sind in Hausfrauenzeitschriften immer noch Seiten frei, auf denen sonst Weihnachtssurvivaltipps für Griesgrame standen, wie z. B., dass man, anstatt sich dem griesgrämigen Massenselbstmord anzuschließen, doch mal an Heiligabend Freunde belästigen sollte, also sich bei denen einladen, damit man nicht so allein ist, denen den Gänsebraten wegfressen, den Kindern die Geschenke kaputtmachen usw. Oder wenn das nicht klappt, weil man seit dem letzten so verbrachten Weihnachtsfest vielleicht auch gar keine Freunde mehr hat, dann sollte man sich ein schönes Programm für das Fest der Feste ausdenken, sich Kerzen anzünden, Weihnachts-CDs hören und einen anrührenden Film im Fernsehen aussuchen. Ich glaube, ich bin nur deshalb mit dem Leben davongekommen, weil ich derartige Tipps nie befolgt habe und einfach um neun ins Bett gegangen bin wie sonst auch.

Wegen der weggestorbenen Zielgruppe muss nun also die Hausfrauenzeitschrift andere arme Tröpfe finden, denen sie mit ihren Tipps das Leben schwer machen kann. Bevor man nämlich solche Tipps bekommt, ist einem womöglich noch gar nicht aufgefallen, dass man überhaupt welche braucht, weil man sich in einer lebensbedrohlichen Situation befindet. Aber das kommt davon, wenn man jahrelang nur hinter heimeligen Butzenscheiben so unbedacht herumharmoniert, da kriegt man oft gar nicht mit, was sich so an Katastophalem zusammenbraut in der großen bösen Welt.

Weihnachten | © Ingo Anstötz / PIXELIO / www.pixelio.deDas sagen einem aber dann rechtzeitig die psychologischen Beratungsteams in den Hausfrauenzeitschriften. Da liest man dann mit wachsendem Schrecken, dass insbesondere für Familienoberhäuptinnen die Weihnachtszeit ein wahres Minenfeld hochexplosiver Bedrohlichkeitssituationen darstellt. Wenn die Familienoberhäuptin nicht schon in der Adventszeit einem plötzlichen Herztod erliegt, weil sie vor lauter Geschenkestress nicht dazu kommt, die wertvollen Tipps ihrer Hausfrauenzeitschrift zu befolgen, sich mit einem schönen Aloe-Vera-Tee vor die Duftkerze zu setzen und die Kinder auch mal im Haushalt einzuspannen, dann folgt der finale Kollaps spätestens an Heiligabend. Entweder weil sich dann nämlich der viele Stress so aufgestaut hat, dass die Harmonie am Arsch ist, oder weil die Familienoberhäuptin eine solche Erwartungshaltung bezüglich der Harmonie entwickelt hat, dass nun die Harmonieerzeugung für alle Beteiligten in Stress ausartet, kommt es zwangsläufig zu Familientragödien, so die düstere Prophezeiung der Hausfrauenzeitschrift. Möglicherweise wird die Familienoberhäuptin dahingemeuchelt, wenn die Harmonie außer Kontrolle gerät. Zaghaftere Naturen lassen sich vielleicht einfach nur nach Weihnachten scheiden und wandern fortan einsam und griesgrämig durch eisige Winternächte, bis irgendwo mal wieder ein Griesgram-Massenselbstmord stattfindet.

Wie man es auch dreht und wendet, Weihnachten ist in jedem Falle ein im höchsten Maße lebensbedrohliches Ereignis im Jahreskreis des menschlichen Daseins. Und vor diesem Hintergrund bekommt sogar “Last Christmas” eine ganz andere, düstere Bedeutung.

© 2010 Bianka Tewes – Harmonie, die Geißel der Menschheit

Fotos: © Pambieni | © Karl-Michael-Soemer | © Ingo Anstötz / PIXELIO

Mehr Weihnachtliches: PUNKY CHRISTMAS 84

VN:F [1.9.8_1114]

Bewertung abgeben:

Rating: 5.0/5 (2 votes cast)
Harmonie, die Geißel der Menschheit, 5.0 out of 5 based on 2 ratings

  • PDF
  • email
  • RSS
  • Add to favorites

Dieser Beitrag wurde 4548 x angesehen.


Lesen/Schauen Sie auch folgende Satiren:

Lädt...

Gib einen Kommentar ab:

 

 

 

Du kannst diese HTML tags verwenden

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>