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Ein Tag der Arbeit - von Martina Leach

Impressionen aus dem Plattenladen

Pinke Schallplatte | © Heiko Wagner / PIXELIOEs ist 9 Uhr 30 und ich habe wieder über eine Stunde Frankfurter S-Bahn für eine Luftlinie von acht Kilometer hinter mir, um in den Plattenladen zu kommen, in dem ich arbeite. Egal, Hauptsache es ist noch genug Zeit, dass ich mir, bevor der Arbeitsstress beginnt, Kaffee aus dem Automaten ziehen und dazu zwei Zigaretten vernichten kann. Um meinen Arbeitsplatz zu erreichen, passiere ich meist den Mann mit den aufgekrempelten Hemdsärmeln, der an einem Regal herumschraubt. Der Chef des Hauses bei seiner Lieblingsbeschäftigung.

Während andere Geschäftsführer schwitzend über Kalkulationen und Kündigungsschreiben brüten, schwitzt unserer lieber beim Auswechseln von Neonröhren und Einschrauben von Regalteilen. Ich hielt ihn lange für den Hausmeister, bis ich beim näheren Betrachten das Gesicht vom Einstellungsgespräch wiedererkannte.

Gut gelaunt suche ich die CDs des Tages aus, die mir und den Kunden die nächsten Stunden versüßen sollen. Schon höre ich das Surren der eingeschalteten Rolltreppe, und die ersten Kunden betreten die Abteilung.
„Entschuldigen Sie, hallo, hallooooo!“, plärrt es mir aus fünf Metern Entfernung entgegen.
„Ihnen auch einen wunderschönen guten Morgen, was kann ich denn für Sie tun?“, sage ich.
„Sind Sie der Service?“, schreit er.
Nein, der bin ich definitiv nicht, aber ich erkläre dem ungeduldigen Mann mit dem Schrotthaufen von DVD-Player unter seinem Arm gerne den Weg dorthin. Was mich allerdings immer wieder einige Überwindung kostet, denn befindet sich der Kunde bereits im 5. Stockwerk, so muss ich ihm einigermaßen glaubwürdig klar machen, dass er erst einmal wieder nach unten in die 3. Etage muss, um dort den Aufzug in die 6. Etage zum Service zu nehmen… es gibt nämlich sonst keine Verbindung vom 5. in den 6. Stock – ich möchte den Architekten gerne kennen lernen und ihm meine Meinung dazu sagen, vor allem all die gesagten und ungesagten Unflätigkeiten, die mir von Seiten der Kunden entgegen schlagen.

Während dieser kleinen Unterhaltung hat sich der Raum etwas gefüllt: schulschwänzende Kids, die im Hip Hop-Regal kramen – besser gesagt, versuchen, alle CDs aus den Hüllen zu nehmen und versehentlich in ihren Rucksäcken zu verstauen; laut mitsingende Musikliebhaber mit Kopfhörern an den Ohren – leider nicht immer in Harmonie mit der eigentlichen Hintergrundbeschallung, auch nicht mit den anderen Kunden, die ebenfalls laut trällern.

Cd´s | © Rainer Sturm / PIXELIO„Ich hätte gerne eine Frage“, tönt es schüchtern neben mir. „Gibt es die Platte XY?“ Dazu muss ich den Computer und unser allwissendes Programm bemühen, tippe flink den gewünschten Titel ein… und warte… und warte… dem Kunden wächst mittlerweile ein Bart, in Böhmen geht ein Viertel ein und ich entschuldige mich unterwürfig für den lahmen PC. Endlich spuckt dieser das Ergebnis aus.
„Oh“, sage ich mit mitfühlender Mimik, „diese CD ist nicht mehr auf dem Markt, wurde von der Herstellerfirma gestrichen und ist somit leider nur noch auf Flohmärkten oder in Secondhand-Läden erhältlich.“
„Können Sie sie vielleicht bestellen?“
Ich starre den Kunden an, gucke links und rechts hinter mich. Es muss wohl an der übersteuerten Klimaanlage liegen. Vorsichtig antworte ich: „Nein, kann ich nicht, weil sie nicht mehr existiert.“
„Aha, Sie haben sie also nicht hier. Sie können sie aber doch sicherlich bestellen.“
Ich sage: „Natürlich. Ich bestelle Sie Ihnen, aber sie wird nicht vor vier Jahren da sein.“
„Danke, das ist nett“, spricht er verklärt und zieht von dannen.

Eine ältere Dame erklärt mir in breitestem hessischen Dialekt, was ihr Begehr ist:
„Ei hörnse ma, da war doch am Samstach die Sendung da wo da des junge Mädsche so schee g’sunge hat. Sie wisse doch sischerlisch was isch maan, oder?“
Ich will ihr nicht erklären müssen, dass ich mich schon vor zwölf Jahren vom Fernsehen verabschiedet habe und beschränke mich darauf, ihr zu sagen, dass ich leider entweder den Namen der jungen Frau oder den Titel des Liedes benötige, um ihrem Wunsch nachkommen zu können.
Mit verzweifelten Blicken sucht sie nach ihrer Freundin, die aufgrund der gleichen Löckchenfrisur wie ihr Zwilling aussieht, und gemeinsam kommen sie wenigstens auf eine Textzeile, die sich sogar als der Titel des Liedes herausstellt – welch ein Glück. Die CD ist da und die Frau geht freudestrahlend davon.

Der nächste Kunde hat ein einfacheres Anliegen: Er möchte nur wissen, wo er eine bestimmte Musikgruppe finden kann.
„Also, Sie gehen einfach nach hinten und“ … leider komme ich nicht zum Vervollständigen des Satzes, denn er führt den ersten Teil meiner Anweisung sofort aus und geht nach hinten.
Danach kommt eine trüb blickende Dame – das Wochenende war wohl heftig – und möchte wissen, ob wir Hörspiele haben. „Da hinten an der Wand, gleich nach der Klassik, dort finden Sie die Hörbücher.“
Sie geht, dafür kommt der andere Kunde von hinten wieder. „Öhm, ich war da hinten, aber ich kann die Gruppe nicht finden.“ Ich will ihm antworten, doch vor mir steht die trüb blickende Dame von vorhin und meint verstört: „Ich kann die Wand nicht finden.“
Die Verstörung ist nun auch meinerseits. Ich sage: „Da wo der Raum zu Ende ist, da ist die Wand.“ Sie nickt bedächtig, entgegnet mir allerdings: „Ja, aber wie komme ich dahinter?“
Ich brauche einen Schnaps! „Durch die Wand kommt man meistens durch eine Tür. Aber Sie müssen das nicht, die Hörspiele befinden sich noch vor der Wand.“ Vorsichtshalber gehe ich mit und damit sicher, dass das Projekt ‚Hörspiel’ ein gutes Ende findet.

Kasse | © Rainer Sturm / PIXELIODanach mache ich Pause. Die Pause war gut, frisch motiviert mache ich mich wieder an die Arbeit, verräume zwei Meter hohe CD-Stapel, hole dafür vier Meter falsch einsortierte CDs wieder raus und werde Zeuge eines Wortwechsels zwischen meinem Kollegen und einem Kunden:
„Wo ist denn bei Ihnen die Kasse?“
„Im dritten Stock.“
„Wo ist denn bei Ihnen die Kasse?“
„Im dritten Stock.“
„Wo ist denn bei Ihnen die Kasse?“
„Im dritten Stock.“
„Danke.“
Ich denke, ich befinde mich in einem Dauer-Deja vu und frage meinen Kollegen, was das denn sollte. Er meint Achsel zuckend: „Keine Ahnung, aber bis zum Feierabend hätte ich noch Zeit gehabt.“
Ich bin froh, dass ich mich nicht alleine so fühlen muss, wie ich mich manchmal fühle.

Wenn man motiviert ist, vergehen die Arbeitsstunden wie im Flug, in denen ich mit der Lupe eng beschriebene Bierdeckel mit Musiktiteln entziffere, Telefonanrufe entgegen nehme und allmählich wahnsinnig werde. Eine etwa vierzigjährige Frau, die wie eine evangelische Religionslehrerin aussieht und ihr rotzverschmiertes selbstgestricktes Kleinkind an der Hand hält, fragt mich verschwörerisch: „Soll ich Ihnen eigentlich sagen, dass der Kopfhörer hier kaputt ist?“ Ich erwidere: „Falls nicht, dann wäre es jetzt leider zu spät dafür.“
Um 18 Uhr beginnt der Zeiger rückwärts zu kriechen und alle fünf Minuten, wenn ich auf die Armbanduhr sehe, ist es wieder fünf Minuten früher.

Endlich, endlich ist es soweit und ich darf meine Karte durch die Stechuhr ziehen.
Mit Mantel und Rucksack bestückt zwänge ich mich durch die Kasse an den Kunden vorbei. Kurz bevor ich den Aufzug nach unten betreten kann, drückt mich der Hausdetektiv mit dem Gesicht an die Wand, leert meinen Rucksack aus und durchwühlt den Inhalt – ein Ritual in unserem Haus, das mittlerweile zur Tradition geworden ist und immer gut bei den Kunden ankommt. Vor dem Eingang wartet dann schon mein Liebster auf mich, und ich weiß: Dieser Tag kann doch noch gut werden.

© 2011 Martina Leach – Impressionen aus dem Plattenladen

Fotos: © Heiko Wagner | © Rainer Sturm | / PIXELIO

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2 Kommentare zu Impressionen aus dem Plattenladen

  • Wahrhaftig ein guter Kunden Service Geduld braucht jeder im Kundendienst. Super Text “gefällt mir” :smile:

  • Ich will ihm antworten, doch vor mir steht die trüb blickende Dame von vorhin und meint verstört: „Ich kann die Wand nicht finden.“ Die Verstörung ist nun auch meinerseits. Ich sage: „Da wo der Raum zu Ende ist, da ist die Wand.“ Sie nickt bedächtig, entgegnet mir allerdings: „Ja, aber wie komme ich dahinter?“ Ich brauche einen Schnaps! „Durch die Wand kommt man meistens durch eine Tür. Aber Sie müssen das nicht, die Hörspiele befinden sich noch vor der Wand.“

    Immer wieder liebe ich es!

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