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Metta Meditation: Empathie-Training

© Ingo132 / PIXELIOGerade gestern hat mir meine Kollegin wieder einen Mangel an Einfühlungsvermögen vorgeworfen. Anlass war, dass ich ihren Tacker geborgt und es versäumt hatte, ihn wieder aufzufüllen — ein schamloses Vergehen an ihren Tackerbedürfnissen. Freundlich und ihrerseits äußerst einfühlsam wies sie mich darauf hin, dass ich mir mit einem solch egoistischen Verhalten regelrecht ins eigene Fleisch tackere. Schon diese kleinen, scheinbar unwichtigen Tackervergehen setzen nämlich einen Präzedenzfall: Eine Welt, in der jeder tackert wie er will, das kann keine gute sein.

Wenn sich so ein Tackeregoismus erst mal angeheftet hat, breitet er sich nämlich auch in andere Lebensbereiche aus und hinterlässt dort tiefe Mitgefühls-Löcher, wie der Tacker im einst jungfräulichen Papier. Das führt nicht nur zu Spannungen am Arbeitsplatz, sondern auch in der Familie und in der Liebe, bis schließlich der gesamte Weltfrieden auf der Kippe steht.

Die Argumentation scheint mir schlüssig, einen harmonischeren Umgang mit Partner und Familie hätte ich auch gerne. Und gegen den Weltfrieden ist ja auch nichts einzuwenden. Als ich dann zufällig in einem Artikel lese, dass man sich durch Meditationstraining willentlich in einen mitfühlenden Zustand versetzen kann, werde ich neugierig. Forscher haben herausgefunden, dass Metta-Meditation schon über einen kurzen Zeitraum Empathie, das Mitgefühl für andere, messbar steigert. Alles harte wissenschaftliche Fakten, mit hübschen bunten Bildchen von aufleuchtenden Gehirnen Mitgefühl-empfindender Personen untermalt.

Ich such mir also im Internet eine Anleitung zur Metta-Meditation. Metta — das ist die liebende Güte — lernt man in kleinen Schritten. Man beginnt damit, sich das Gesicht eines geliebten Menschen vorzustellen und fühlt sich dabei ganz in das warme Gefühl der Liebe hinein. Im nächsten Schritt stellt man sich neutrale Personen vor. Und schließlich kann man dasselbe Gefühl der Liebe auch denen gegenüber empfinden, die man auf den Tod nicht ausstehen kann. Soweit die Kurzanleitung. Eine Lösung meiner tackerbedingten Empathie-Probleme scheint in greifbarer Nähe zu sein.

Ich setze mich also im Lotussitz auf ein Sofakissen, mit geschlossenen, aber dennoch lächelnden Augen — ganz nach Anleitung — und lege die Hände in den Schoß. Ich beginne mit meiner Mutter, denn in der Anleitung steht, dass die Mutterliebe eine reinere und deshalb metta-tauglichere Liebe ist als z.B. die zum Partner. Ich horche gespannt in mich hinein. Nichts. Dann Anspannung in der Nackengegend. Leichtes Stressgefühl. Ich atme tief ein, lasse los. Plötzlich steht meine Mutter vor mir, ich sehe sie ganz deutlich. Sie beugt sich zu mir hinunter, ist nun ganz dicht vor meinem Gesicht, und lächelt. „Du wirst ja schon richtig grau an den Schläfen“, stellt sie zufrieden fest, „ich kann Dir einen guten Friseur empfehlen!“ Als ich merke, wie sich meine Fingernägel in die Handflächen bohren, schrecke ich auf. Vielleicht lässt sich der Schritt mit der Mutter ja überspringen.

George Clooney | Photo: Public Domain WikimediaAlso mein Freund. Ich gehe wieder in mich hinein — aber dieses Mal erscheint mir kein deutliches Gesicht. Ich fange mit seinen Augen an, denn die mag ich noch am liebsten. Doch darüber gerate ich nur ins Grübeln über seine Augenfarbe. Überhaupt kann ich mir keinen seiner Gesichtszüge so richtig vorstellen. Ich stelle ihn mir nun weiter entfernt vor, das geht besser. So sieht er auch ein bisschen aus wie George Clooney, zumindest wenn ich die Augen zusammenkneife. Ich versuche das Bild zu halten. Und schlafe darüber ein.

Über einem Kaffee überlege ich, wie nun weiter zu verfahren ist. Eigentlich kämen jetzt die neutralen Leute dran, aber ich meditiere nun schon seit über einer Stunde und will endlich Ergebnisse! Also direkt zu den Ungeliebten.

Ich gehe wieder in die Lotusposition, schließe die Augen, und schon sehe ich, groß wie auf einer Kinoleinwand und gestochen scharf in HD, wie ich meiner Kollegin ein Stoffbanner mit der Aufschrift ‚Liebende Güte‘ an den Kopf tackere. Vielleicht sollte ich besser mit einer weniger aufgeladenen ungeliebten Person anfangen.

Wer mir da spontan einfällt ist Frau K an der Kasse bei Penny. Frau K. hat nicht einen funktionierenden Lachmuskel, ja überhaupt keinen Gesichtsausdruck, und sie sagt nie guten Tag oder auf Wiedersehen oder sonst etwas, das über die bloße Nennung des Preises hinausgeht. Das alles löst in mir immer ganz unempathische Gefühle aus und tut weder meinem Karma noch meinen grauen Haaren gut.

Also Frau K . Sie erscheint schnell und detailreich, und nach einiger Anstrengung schaffe ich es, ihr mit einem Gefühl des inneren Gleichmuts zu begegnen. Das ist nun wirklich ein Anfang. Ich halte daran fest, vielleicht noch ein bisschen zu verkrampft, aber für’s erste bin ich damit ganz zufrieden. Nach gefühlten Stunden empfinde ich so etwas wie ein warmes, kribbelndes Gefühl im Bauch. Ist das die liebende Güte, die in mir aufkeimt? Es breitet sich aus, vor allem in der Po- und Beingegend, beginnt zu schmerzen und zu pochen, und ich stelle fest, dass mein gesamter Unterkörper eingeschlafen ist. Außerdem muss ich tierisch auf’s Klo. Ich versuche aufzustehen, falle mit dem Knie gegen den Couchtisch und verfluche laut Frau K.! Wissenschaft hin, mangelnde Tacker-Empathie her, von der Metta-Meditation habe ich erst mal genug!

Und doch scheint an der ganzen Sache was dran zu sein. Bereits am nächsten Tag sehe ich beim Einschlafen das lächelnde Gesicht meiner Kollegin vor mir. Meine Mutter klingt nicht mehr ganz so hämisch, und meinen Freund kann ich mir jetzt auch schon aus der Nähe als Clooney vorstellen.

© Rainer-Sturm / PIXELIOEin paar Tage später gehe ich wieder zu Penny. Frau K sitzt an der Kasse. Als sie mir wie üblich wortlos das Wechselgeld hinwirft, spüre ich plötzlich einen Hauch der liebenden Güte in mir aufkeimen: Ich bedanke mich überschwänglich, wünsche ihr einen wunderschönen Tag und mache ihr ein Kompliment für ihre schöne Frisur. Sie guckt mich entgeistert an und ich verlasse hastig den Markt.

So langsam gerät die liebende Güte in mir außer Kontrolle. Am Wochenende hat mich ein Zombie-Film zu einer Predigt über die liebende Güte gegenüber Ausgestoßenen veranlasst. Mein Freund sagt, dass ich selbst auch seit ein paar Tagen wie ein Zombie durch die Wohnung laufe, immer so blöde vor mich hin grinsend. Meine Mutter drückte mir gar eine Antifaltencreme und die Visitenkarte ihres Schönheitschirurgen in die Hand, das mit den Lachfältchen sei wirklich ausgeartet in letzter Zeit.

Aber wirklich klar, dass die Sache mit der liebenden Güte ein Ende haben muss, wurde mir erst, als ich gestern beim Sex die Augen schloss und das nunmehr lächelnde Gesicht von Frau K vor mir sah. Den Orgasmus konnte ich mal wieder vergessen. Und zu Penny gehe ich in nächster Zeit wohl auch besser nicht mehr.

© 2011 Jennifer Workman – Metta Meditation: Empathie-Training

Fotos: Buddhas © Ingo132 | Kasse © Rainer-Sturm / beide PIXELIO | George Clooney / Wikimedia

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3 Kommentare zu Metta Meditation: Empathie-Training

  • Frank

    Diese Frau K. würde ich ja gern mal kennen lernen. Sie scheint es dir ja echt angetan zu habn :lol:

  • stinkmichel

    Lustige Geschichte, echt gut. Den Schluss könnte man noch prima ausbauen.

  • you know Noah used to do things like that too. In fact he still makes all sorts of noiess……and bursts of noiess…I just tell him and remind him (and it works pretty well) that when he is out in public….he cannot make all those sounds…..he can only do it at home and usually in his own room with the door shut. I don’t want to stop him from doing this as he physiologically seems to need to do it……and it calms him…….but….I want him to learn there is a time and place for it….which in turn will help him control it a bit. He has done very well since making it an “at home only and in your room preferably” deal. hahah

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