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Neulich beim Zahnarzt

Zahnarzt © Harry Hautumm / PIXELIO / www.pixelio.deDezember. Noch 2 Wochen bis Weihnachten. Leichter Druck am Schneidezahn rechts oben. Nanu?! Ich habe nie Zahnprobleme. Ein Umstand der ganz hervorragend zu meiner Angst vor Zahnärzten passt. Tue das, was ich in solchen Situationen immer tue. Nix! Den Zahn lässt meine ausgeklügelte Taktik allerdings völlig kalt. Der Schmerz steigert sich und wandert behände Richtung seiner Grenze. Schmerztabletten nehme ich nicht. Die sind eh eine Erfindung der Pharmaindustrie und nur für Weicheier. Früher ging es auch ohne.

10 Tage bis Weihnachten. Beschließe, dass es nicht normal ist mit den Kopf gegen das Bücherregal zu stoßen… um nach dem Vorbild der Waldbrandbekämpfung den Schmerz mit einem Gegenschmerz zu unterbinden.

Kühle kurz die Beule an meinem Kopf, baue das Bücherregal wieder zusammen und gehe zum Zahnarzt. Halte kurzen Smalltalk über die Gesundheitsreform und zahle dann doch freiwillig meinen Quartals-Obulus zur Erhaltung des Sozialstaats. Erst mal röntgen. Eine gut aussehende Zahnarzthelferin spannt mich in irgendein Gerät ein. Ich versuche so cool wie möglich auszusehen. Das Gerät erinnert mich irgendwie an eine Mischung aus einem Passfotoautomaten am Uelzener Bahnhof und Wankel’s Rotationskolbenmotor. Nach Abschluss des Röntgen-Shootings eile ich zum nächsten Termin. Werde mit einem vollautomatischen Liegestuhl bekannt gemacht, der selbst Kirk vor Neid erblassen ließe. Gut aussehende Zahnarzthelferin bindet mir einen Latz um. Ich versuche so cool wie möglich auszusehen.

Kirks ZahnarztstuhlDer Doktor betritt die Bühne und schaut in den obersten Teil meines Verdauungstrakts. Er nimmt ein gekühltes Ding und hält es abwechselnd an meine Zähne. Ja, ja, ja, ja, nein, ja, ja. Das Nein war verkehrt. Bekomme mitgeteilt, dass der Zahn zwar schon verstorben, aber trotzdem der Übeltäter ist. Erfahre eine 1a Zahnwurzelbehandlung ohne Betäubung. Schaue dabei fasziniert auf mein Röntgenbild am Monitor. Beschließe mit Aquarellmalerei anzufangen. Die gut aussehende Zahnarzthelferin reicht mir einen Becher zum spülen. Ich versuche so cool wie möglich auszusehen. Ein dünner, zäher Faden zieht sich aus meinem Mundwinkel in das kleine Porzellanbecken. Nach Abschluss der Bauarbeiten das Schlusswort des Doktors und die Termine im neuen Jahr: „1 mal Abschluss der Zahnwurzelbehandlung, 1 mal Intensivprophylaxe, 2 mal Karies unter den alten Plomben und, ach so, ich gebe ihnen gleich mal eine Überweisung mit. Die Weisheitszähne müssen raus. Kann ich nicht selber machen, sieht kompliziert aus.“ Ich verlasse die Praxis. Schmerzmittel lehne ich natürlich dankend ab. Der Zahn war eh schon tot.

3 Wochen später habe ich einen Weißheitszahn weniger und stehe schon 2 Tage später in der Apotheke um mein Schmerzmitteldepot wieder mit 400er Ibuprofen aufzufüllen. Eigentlich brauche ich ja keine, aber so ein operativer Eingriff ist ja auch was völlig anderes.

Die Tage vergehen und ich stehe permanent unter Medikamenten. Das muss aufhören. Beiße die restlichen Zähne zusammen und setzte die Medikamente ab. Bemerke im nüchternen Zustand, dass der Schmerz in den letzten Tagen nicht nur von der Weißheitszahnwunde kam, sondern wieder vom Schneidezahn. Scheiße! In unregelmäßigen Abständen setzen Zahnwurzelwehen ein. Sie kommen in immer kürzeren Intervallen und steigern sich jedes mal. Das erinnert mich irgendwie an die Energiepreise. Bin froh, dass meine Zahnwurzel nicht über 41 Milliarden Euro verfügt um weiter zu expandieren.

Zieh mir eine 500er Ibuprofen rein und gleich danach noch eine. Polster mein Bücherregal mit einer Decke ab. Sehe nur noch verschwommene Bilder. Der Schmerz lässt nicht nach. Klinke 2 weitere 500er Ibuprofen ein. Eine Menge, die selbst Günther Beckstein zu einem alternativen Hippie gemacht hätte. Nach 20 Minuten setzt die Wirkung ein. Leichte Halluzinationen folgen. Ein Doppelkeks, der auf meinem Schreibtisch liegt und mich an Zeiten erinnert als ich noch feste Nahrung zu mir nehmen konnte, möchte mir ein Gespräch über den österreichischen Musiktheoretiker Erwin Ratz aufdrängeln, wird aber durch meinen Aschenbecher daran gehindert. Ich dachte erst der Aschenbecher meint es gut mit mir, merke dann aber, dass er sich nur in den Vordergrund drängen wollte. Kneife mir in den Arm. Nichts. Nehme einen Kugelschreiber und überarbeite meine Tätowierung. Ich spüre nichts mehr. Nichts außer Zahn. Ich lege mich ins Bett. Ich stehe wieder auf. Ich lege mich ins Bett. Ich stehe wieder auf. Bewege meinen Kopf etwas und baue danach notdürftig das Bücherregal wieder zusammen.

Zahnarztwerkzeuge © Regina Kaute / PIXELIO / www.pixelio.deDie Sonne geht auf und ich mache mich auf dem Weg zum Zahnarzt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht steige ich in die Bahn. Treffe dort die gut aussehende Zahnarzthelferin. Mein Überlebensinstinkt erwacht und ich klammer mich an ihren Arm. Sie versucht mich mit kratzen und beißen abzuschütteln… aber die Schmerzmittel wirken noch. Erkläre ihr gestikulierend mein Problem und sie nimmt sich meiner an. Wir kommen bei der Praxis an und kurz darauf kommt auch schon der Arzt. Ich huldige kurz und reiße meinen Mund auf. Er gibt mir die Hand und schließt die Praxistür auf. Ich drängle mich an ihm vorbei, renne ohne Umwege zu Kirk’s Stuhl und binde mir den Latz um. Der Arzt verpasst mir eine Betäubungsspritze und wartet auf deren Wirkung. Ich denke in der Zwischenzeit darüber nach mir alle Zähne ziehen zu lassen um dieses Treiben ein für alle mal zu beenden. Es muss doch möglich sein adäquaten und schmerzresistenten Ersatz zu bekommen. Himmel… wir fliegen doch auch zum Mond. Das ist doch eine Marktlücke. Da müssen doch die Konzerne mal aufwachen. Ich sehe schon die Werbung vor mir. Die neuen Sportzähne von Addidas und für die Frau von Welt, die modischen „Dentstars“ von Gucci. Ok, wahrscheinlich zu teuer für die Krankenkassen, aber vielleicht kann man ja mieten.

Der Arzt holt mich wieder zurück auf den Liegestuhl, fühlt mir etwas auf den Zahn und stellt fest, dass der andere Schneidezahn schuld ist. Was jetzt folgt, ist eine erneute Wurzelkanalbehandlung an einem schwer entzündeten Zahn bei dem selbst die Betäubung nichts mehr bewirken kann. Eine diffizile Zahnbehandlung in der Endodontie mit dem Ziel, einen Zahn zu erhalten, dessen Mark irreversibel geschädigt ist. Ja… ich weine. Ich weine als die Wurzelkanalinstrumente zum Zwecke des Dentinabtrags und zur Formgebung der Wurzelkanalhohlräume in mich eindringen. Und… ich schäme mich meiner Schreie nicht.

Inzwischen kann mich nichts mehr schocken und Zahnarztbesuche gehören zu meinen Hobbys. „Wat machstn heut noch so?“ … „Och du, ma schaun… vielleicht erst nen bisschen aufn Kiez und wenn ich dann noch Bock habe, lass ich mir noch nen Weißheitzahn rausnehmen.“
Wie auch immer… eins ist jedenfalls klar… mit so vielen Zähnen kommen wir nicht mehr zusammen.

© 2011 Jörg Schwedler – Neulich beim Zahnarzt

Fotos: © Harry Hautumm | © Regina Kaute / PIXELIO

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