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Gerontosexualität

Omas neuer Lover

© Georg Meister / PIXELIO / www.pixelio.deMein kleiner Bruder wäre beinahe an einem Stück Brötchen erstickt. Papa klopfte ihm kräftig auf den Rücken, dabei schaute er mit weit aufgerissenen Augen Richtung Oma. Wir starrten Oma an. Wir haben nie erfahren, wie sie Florian Silbereisen kennen gelernt hatte und warum er plötzlich bei uns wohnte. Der 27-jährige Volksmusikmoderator war eines Tages da und setzte sich zu uns an den Tisch, als wäre das das normalste der Welt. In der Küche herrschte dreißig Sekunden lang Stille. Dann fragte meine Mutter: „Kaffee oder Tee?“


„Am liebsten mag Flori Kamillentee“, antwortete Oma und kniff ihm zärtlich in die Wange. Florian Silbereisen lächelte und nickte: „Du weißt, was ich mag, Spazerl.“ Er streichelte ihren Unterarm und küsste ihren Nacken. Als er fertig war, entdeckte ich dort einen Knutschfleck. Wir waren geschockt. Beinahe hätte sich mein Bruder wieder verschluckt. Diesmal am Orangensaft, der ihm jetzt übers Kinn lief.

Später flüsterte meine Mutter Vater ins Ohr: „Wie kommt der denn hierher?“ – „Das geht euch gar nichts an“, rief Oma aus ihrem Zimmer. „Und außerdem bleibt Flori hier, wir sind nämlich verlobt.“ Und dann drohte sie: „Wenn ihr die Bild-Zeitung informiert, dann spritz ich mir Insulin!“

Am Anfang dachten wir noch, bei der Beziehung von Florian Silbereisen und Oma handelte es sich um eine Long-Version von „Verstehen Sie Spaß?“. Doch nach drei Wochen mussten wir uns eingestehen, dass die Lage ernster war als zunächst angenommen.

Unterdessen stand die Bild-Zeitung vor einem Rätsel. Wo versteckt sich Silbereisen? Experten bescheinigten Silbereisen ein Burn-Out-Syndrom. Und Anne Will fragte in ihrer Sendung: Wie viel Volksmusik erträgt ein junger Mensch? Es gab auch konspirative Theorien. Die einen vermuteten, dass Silbereisen von Außerirdischen entführt wurde, die anderen dachten, dass er von einer Horde radikaler Volksmusikhasser gefangen gehalten wird. Ganz Deutschland war im Florian Silbereisen-Fieber. Niemand wusste, wo er sich aufhielt.

Nur unsere Familie. Aber wir konnten unser Wissen nicht an die Öffentlichkeit bringen – aus Respekt vor unserer Oma. Wir wollten so lange durchhalten bis sich diese Liaison von alleine erledigt hatte.

© Gabi Schoenemann / PIXELIO / www.pixelio.deNach acht Wochen Geturtel waren wir völlig genervt. Täglich weckte uns Florian mit einem Akkordeon-Solo. Nachts konnten wir nicht schlafen, weil wir Oma stöhnen hörten. Keiner traute sich nachzusehen, ob mit ihr alles in Ordnung ist. Die  Wahrheit war: Unsere Oma hatte einen jüngeren Geliebten und vögelte hemmungsloser drauflos als unsere Eltern (als die es noch taten).

Wir sehnten uns nach den Zeiten als Oma vor Schmerzen stöhnte. Doch sie strotzte vor Lebensenergie. Sie veränderte sich auch optisch. Sie färbte ihre grauen Haare kastanienbraun und bestellte erotische Dessous. Es war sogar ein Latexkorsett dabei. „Flori findet das sexy.“

Meine Mutter versuchte, auf Oma einzuwirken. „Mutter, das kannst du nicht machen. Nicht in deinem Alter. Benimm dich endlich. Zieh dir ordentliche Kleidung an. Du wirst zum Gespött der ganzen Nachbarschaft.“ Aber Oma, der früher nichts wichtiger gewesen war als die Meinung der Nachbarn, pfiff auf die Konventionen. „Als ich jung war, gab es Krieg, dann habe ich Opa geheiratet, drei Kinder bekommen und dann kamen die Enkel. Jetzt bin ich dran. So viel Zeit habe ich nicht mehr. Ich will leben und alles nachholen, was ich verpasst habe“. Sie zog Florian vom Sofa und verschwand mit ihm in ihr Zimmer. Das Liebespärchen blieb aus Protest drei Tage lang im Bett.

Als es meine Mutter nicht mehr aushielt, schickte sie mich in Omas Zimmer. „Bring Harold und Maude einen Kamillentee und sag ihnen, heute um 13 Uhr gibt’s einen Schweinebraten.“ Und so saßen die beiden wieder bei uns am sonntäglichen Mittagstisch als wäre nichts gewesen. Doch der Frieden währte nicht lange.

„Mama, warum hat sich Oma einen gerollten Zehn-Euro-Schein in die Nase gesteckt und damit Puderzucker eingesaugt?“, fragte mein kleiner Bruder eines Tages. Meiner Mutter fiel das Brotmesser aus der Hand. „Das gibt es doch nicht“, rief sie. „Wir müssen ihn loswerden. Er verdirbt sie. Omas koksen nicht, Omas kaufen sich keine Dessous und sie haben auch keinen Sex mit schlechten Volksmusikmoderatoren, die ihre Enkel sein könnten! Was will er von ihr? Er ist bestimmt ein Erbschleicher. Er hat es auf ihr Vermögen abgesehen.“ Meine Mutter ließ sich nicht beruhigen.
„Was soll er denn von Oma erben? Ihr Gebiss?“ lachte Vater.„Von mir hat sie das nicht“, fluchte Mutter.

Auch Vater sollte seine Meinung ändern. Berauscht vom Glühwein hatten die Verliebten seine Plattensammlung zerstört. Umgehend wurde der Familienrat einberufen. Oma und Florian durften nicht daran teilnehmen. Sie standen unter Zimmerarrest. Gemeinsam schmiedeten wir einen Plan, um Florian Silbereisen loszuwerden. Wir gaben dem Plan den Codenamen Blume. „Die Blume muss weg. Sie muss verschickt werden. Hast du den Kurierdienst schon bestellt?“ Die Vorbereitungen dauerten einen Monat. Vier Wochen und drei Tage lang ertrugen wir das Grinsen von Florian Silbereisen, die Volksmusik-Dauerbeschallung und natürlich Oma, die durch das Haus tänzelte und versuchte, trotz Oberschenkelhalsbruch auf hochhackigen Schuhen zu laufen.

© Moni Sertel / PIXELIO / www.pixelio.deAls der „Die-Blume-wird-verschickt-Tag“ kam, fuhren wir Oma in ein Tatoo-Studio. Sie war begeistert. Schon seit drei Wochen wollte sie sich Florians Gesicht auf den Arm tätowieren lassen. Damit wollte sie Flori überraschen. Während Oma tätowiert wurde, servierte meine Mutter Florian Silbereisen einen Kamillentee, in dem sie einige Schlaftabletten aufgelöst hatte. Nachdem Florian eingeschlafen war, rollte ihn mein Vater in eine Decke und steckte ihn in eine große Pappkiste. Dann klingelte es an der Tür. Draußen stand ein Mann, der für eine Hilfsorganisation arbeitete. Mein Vater übergab wortlos die Kiste und einen 500 Euro-Schein. Der Transport fuhr davon. Wohin wussten wir nicht. Wir wussten nur, dass er weit weg fuhr. Außerhalb Europas.

Oma weinte laut, als Mutter ihr sagte, dass Florian für immer fortgegangen ist. „Der Feigling hat sich nicht mal von dir verabschiedet“. Über eine Woche lang lag Oma im Bett und trauerte. Sie hatte sich ein großes Pflaster auf Florians eintätowiertes Gesicht geklebt, da sie den Anblick nicht mehr ertrug. Oma weigerte sich, zu essen. Nicht mal der Schweinebraten konnte sie aus dem Bett locken. Nachts rief sie Florians Namen. Meine Mutter versuchte, sie zu trösten: „Das geht vorbei“. – „Nein“, schluchzte Oma.

Mein kleiner Bruder brachte Oma am 9. Tag eine Bild-Zeitung. Dort stand in großen Lettern: Florian Silbereisen in der Mongolei aufgetaucht. Dreht er jetzt durch? Oma fing an zu lachen. Auf dem Foto hielt Florian einen großen Zettel in der Hand. Darauf stand. „Resi, i hol di mit dem Traktor ab!“

Ich glaube, ich habe noch nicht erwähnt, dass meine Oma Resi heißt.

© 2011 Claudia Rengür – Omas neuer Lover

Fotos (von oben nach unten): © Georg Meister | © Gabi Schoenemann | © Moni Sertel / PIXELIO

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8 Kommentare zu Omas neuer Lover

  • Leo

    Das ist ja eine lustige Geschichte!!. Meine Oma steht auch auf Silbereisen :smile:

  • Marina M.

    Es gibt auch gute Volksmusik. In andern Ländern kommt die auch ins Fernsehen. Bei uns nicht. Da sieht man nur diesen miesen Verschnitt a la Musikantenstadl. Bezeichned ist doch, dass in der Volksmusik die ganze Palette der Gefühle vorkommt. Nicht nur Freude sondern auch Sehnsucht, Trauer, Schmerz, Traurigkeit. Dies “negativen” Gefühle haben in der deutschen Rucki-Zuckt-Parade nichts verloren. Nur eine aufgesetzte Fröhlichkeit, fernab alles menshclich authentischen, echten, und damit Plastikschrott. Unglaublich, wieviele Menschen sich von diesem Müll blenden lassen. Nichts daran ist echt. Ich nehme an, dass Oma und Flori (wie niedlich) die Plattensammlung des Vaters zerstört haben, weil diese aus echter Rockmusik bestand. Das ist das Wesen des Falschen, es muss alles zerstören, was echt ist.

  • Noisette

    Ja mei,Jedem das Seine,ich mag auch lieber Rock und höre mir trotzdem andere Musikrichtungen an und respektiere Jedem seinen Geschmack! ;-)

    • D.

      Musikrichtungen ja, da bin ich auch tolerant. Das Musikantenstadl zeug IST aber keine Musik. Genau wie der Schrott von MODERN TALKING keine war. Das geben sogar die Macher zu^^- Zitat Bohlen: “Es ging darum, in kurzer Zeit möglichst viel Kohle zu machen.”

  • Geschnetzeltes

    Also das Wesentliche ist doch, daß es irgendwie einfach pervers herüberkommt, wenn so ein unter 30-jähriges Bürschchen da vor den ganzen scheintoten Damen herumtänzelt. Das hat nun mal etwas nekrophiles oder zumindest, wie es ja auch im Titel steht, gerontosexuelles :shock:
    Insofern schön auf den Punkt gebracht! :mrgreen:

  • Bei diesem Silbereisen-Typ sagt man doch immer, er sei der Schwiegersohn-Typ. Naja ansichtssache würde ich mal sagen. Ich finde diesen Typen ein graul aber wenn die älteren Damen darauf abfahren.
    LG Katja

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