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Frohe Weihnachten!

PUNKY CHRISTMAS 84

© www.JenaFoto24.de / PIXELIO / www.pixelio.deI. Weihnachten… 1984.

Ich ging in den Essraum.

Der Gast war eingetroffen: Bodo, der Säufer – und im Wohnzimmer lauerte unter dem Weihnachtsbaum die Bescherung. Es gibt keinen Tag, der länger als vierundzwanzig Stunden dauert, dachte ich, und von dem hier waren schon achtzehn vorbei.

Meine Mutter bestand mit der Sturheit eines afrikanischen Wasserbüffels darauf, dass wir singen: ‘Oh Tannenbaum…’, und ich singe: ‚… wie braun sind deine Nadeln/sie sterben schon seit geraumer Zeit…’, als meine Schwester heiser wird und Vater versucht, mich mit einem Fünf-Mark-Stück zu bestechen. Ich bleibe hart; schließlich hat Jesus auch nicht gleich nachgegeben.

II.
Tannenbaum: © Karl-Michael-Soemer / PIXELIODie Bescherung: Ich erhalte von Mutter – wie jedes Jahr – ein Dutzenderpack Socken. Ich verstaue sie in meinem eigens für diesen Zweck angeschafften Sockenschrank – an Socken wird es mir nicht mangeln bis zur nächsten Eiszeit – und komme zurück ins Wohnzimmer.

Alles nimmt seinen Lauf. Mit Ausnahme von Mutter werden sie zuerst saufen, dann politisieren und saufen, und am Schluss saufen, politisieren, sich prügeln und die Wohnungseinrichtung schrotten, während meine Schwester versuchen wird, die Aquariumsfische mit Mutters Weihnachtsbowle zu vergiften.

Der Christbaum brennt schon, es muss halbacht sein, er brennt jedes Jahr um diese Zeit. Meine Schwester löscht.

Vater hat am gestrigen Tag vorsichtshalber die Weihnachtsplatten von Mutter zerkratzt. Bodo der Säufer ruft grölend: „Frooohe Oostern!“, und Mutter bringt ihre ‘Plätzchen’. Wahrscheinlich hat sie das Rezept von einer Firma, die Stahlbetonmischungen zum Bauen von Fundamenten für 24-stöckige Hochhäuser herstellt. Im direkten Vergleich brechen zuerst die Zähne.

Inzwischen hat der Hund noch seinen Beitrag gebracht, oder besser: gemacht. Er schiss unter den (immer noch brennenden) Weihnachtsbaum, während Mutter heult und der Vati den Opi unterm Couchtisch würgt. Meine Schwester ist fertig mit Löschen und wirft mir jetzt böse Blicke zu. Sie hat mir drei LPs von ZZTop geschenkt, und ich ihr ein selbstgemaltes Bild (um dem Kommerz zu widersagen).

Christbaumschmuck: © Rainer Sturm / PIXELIOSchließlich kommt der unvermeidliche Augenblick. Der Augenblick, den jeder kennt, und den alle (Bodo, Opa, Vater, meine Schwester, der Hund und ich) mit Angst erwartet haben.

Die Mitternachtschristmette. Bodo ist blau. Er wünscht mir alles Gute zu meinem Geburtstag. Onkel Simon kommt auch noch vorbei, Mutter lässt ihn rein … ein Mitglied des Pfarrgemeinderats. Er wird wie immer versuchen, Bodo für die Neugründung des ‚Bunds der Alten Deutschstämmigen Nationalkämpfer’ zu gewinnen (mit dem Ziel, Elsaß-Lothringen zurückzuerobern).

Mutter fragt mit zittriger Stimme: „Ich geh jetzt zur Mette. Feierlich, christlich und schön… Wer kommt mit?“ Niemand. Und wenn niemand mit kommt, löst sich das Universum für sie in Nichts auf, und Vater muss wieder den Notarzt kommen lassen wie letztes Jahr. Meine Schwester ist von einer Sekunde auf die andere krank geworden. Dem Tode nahe schleppt sie sich auf ihr Zimmer ins Bett.

III.
Ich opfere mich. Nehme sechs Flaschen Bier in meinen Rucksack, pack meinen Walkman in die Manteltasche, und wir gehen los, Mutter und ich. Wir kommen zu spät, es hat schon angefangen. Der Gesang des Chors erinnert an eine Meute überfahrener Straßenköter. Ich setze mich und lege die Kassette ein. Kopfhörer auf, einschalten und mitsingen. Sex Pistols: „I am an anarchyst/I am the antichrist…“ Die wenigen Jugendlichen haben sich bald um mich geschart und den Rock’n’roll und mein Bier.

Eine Gruppe von sechs Hells Angels kommt auch noch in die Kirche, um zu demonstrieren, wie sie ihren ‘Glauben leben’. Einer hat einen 100-Watt-Kassettenrekorder mit AC/DCs ‘Hell Bells’ aufgedreht. Ein anderer hat Hunger, geht vor zum Altar und frisst sich mit Hostien voll. Ich ignoriere das Weinen meiner Mutter und beginne, dem Kirchenchor den Pistols-Song ‘Anarchy In The UK’ beizubringen. Solche Gelegenheiten sind selten. Vor Angst machen sie mit. Ein paar Jugendliche beginnen mit einer kleinen, gemütvollen Messerstecherei und zwei der Hells Angels versuchen, einen Ministranten zu vergewaltigen. Was für ein Planet, auf dem wir solche Dinge tun! Die Polizei trifft ein. Ich hau ab in die City.

IV.
Jesus II: © A. Dengs / PIXELIOPenner machen in der U-Bahn Rundfahrten, weil niemand kontrolliert. Die Innenstadt ist voll mit Polizei. Ein Punker ruft: „Haut die Bullen platt wie Stullen!“ Es steht auch auf seiner Jacke, die Polizei nimmt ihn erst mal mit.

Ich setz mich abseits auf eine Bank, mach mein letztes Bier auf und frage Jesus: „Ist das dein Ernst? Was sollte das werden? Wie war’s geplant, Mann?“ Doch Jesus hat offensichtlich keinen guten Tag gehabt, denn es ziehen schnell schwarze Wolken über mir zusammen. Ein Blitz sticht herunter und trifft mich (und ich denke noch: Touché!) und verwandelt mich in Kompost.

(Gott ist eben doch gerecht.)

© 2011 Robert Reitz – PUNKY CHRISTMAS 84

Fotos: Punker © www.JenaFoto24.de | Tannenbaum © Karl-Michael-Soemer | Christbaumschmuck © Rainer Sturm | Jesus © A. Dengs / alle PIXELIO

Mehr Weihnachtliches: Harmonie, die Geißel der Menschheit

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7 Kommentare zu PUNKY CHRISTMAS 84

  • Antonia

    Wollte mal eben passend zu meinem (verdammt zähen!) Lebkuchen eine weihnachtliche Geschichte lesen. Gleich im ersten Abschnitt sind mir dann die Krümel aus dem Mund gefallen. Weil er offen stand …
    Dies ist eine Hinführung auf das “Frohe Fest” der besonderen Art.

    Zitat:
    Ich bleibe hart; schließlich hat Jesus auch nicht gleich nachgegeben.

    Ein Fingerzeig auf den bitterbösen Inhalt, der mir verdammt gut gefällt. Hier wird die andere Seite familiären Beisammenseins an solchen Tagen ausgebreitet und der Hintersinn von Zeremonien persifliert. Die lakonische Art des Erzählens treibt das Ganze noch auf die Spitze.

  • Achterwasser

    Coole Geschichte, nicht zu lasch und nicht zu überzogen. Mit anderen Worten: Genau den richtigen Ton getroffen!
    :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:

  • CG35

    Was ist denn hier los? Alle tot? Eine Weihnachtssatire on top??? (Wenngleich eine gute…)

  • C-undecide

    Wie geil!!! (Nach Weihnachten ist VOR Weihnachten!)

  • Maria

    Ich bin zufällig auf diese Weihnachtsgeschichte gestoßen und bin positiv überrascht, dass die etwas düster ausgemalte aber durchaus pointierte Schreibweise meinen Geschmack getroffen hat. Da ich die Adventszeit und das Weihnachtsfest liebe, steh ich solchen Geschichten immer ein wenig skeptisch und mit leichter Abneigung gegenüber.
    Allerdings mußte ich an einigen Stellen lachen und besonders der Schluss hat mir gut gefallen.

    Trotzdem: Frohes Fest
    :smile:

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