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Nach der Euro-Krise

Wie Deutschland gerettet wurde {3}

© Christian Holzapfel / PIXELIO / www.pixelio.deWas bisher geschah…

Das war der Clou des neuen Systems, unübersehbar wie ein Rudel Flusspferde auf der Landstraße: Man hatte in Weilheim die Arbeitnehmer privatisiert und dem Unternehmenskapital hinzugefügt. Nach einem ausgeklügelten Schlüssel waren sie an die Unternehmen und Konzerne verteilt worden. Der Vorarbeiter Bündig gehörte jetzt der Schuhfabrik.

Neun Monate später installierte man dann das neue System in ganz Deutschland, von München bis Hamburg, von Dortmund bis Dresden.
Mit einem Schlag waren alle Arbeitslosen untergebracht. Keiner musste mehr Angst haben, seinen Job zu verlieren. Jeder hatte außerdem freie Kost und Logis.
Gleichzeitig konnte die ‘Regierung’ die Rentenkasse abschaffen, denn man arbeitete ab sofort bis zum Lebensende – eine Idee des Arbeitgeberpräsidenten Dieter Köter. Unternehmen und Beschäftigte konnten zusammen bleiben, bis dass der Tod sie schied.
Der Nachwuchs indes hatte seinen festen, ökonomisch gegebenen Platz in der Gesellschaft, indem er mit der Geburt in den Besitz des Eigentümers seiner Eltern überging.
Wer gerade tatsächlich nicht zu gebrauchen war, konnte woanders hin verliehen werden. Die wirklich komplett Nutzlosen, darunter viele ehemalige Politiker der F.D.P., wurden ins Ausland transferiert, zum Beispiel in die USA verkauft oder, in schwerwiegenden Fällen von Nutzlosigkeit (wie bei Guido Wellenwester), nach Afrika verschenkt (um in den Dürregebieten Spaß und Optimismus zu verbreiten).

Selbst extreme Billiglohnländer konnten kaum noch mit Deutschland konkurrieren: Massenhaft kehrten die Arbeitgeber ins Standortparadies Deutschland zurück und schafften Arbeitsplätze. Enorme Kostensenkungen ergaben sich zusätzlich durch die Auflösung der demokratischen Parteien und Organe zu Gunsten einer kompetenten Führungscrew aus Vertretern der Wirtschaft: Deutschland war gerettet! – Und jeder war direkt daran beteiligt, hatte seinen Platz und seine spezielle Verantwortung für die Gemeinschaft.

Ich zum Beispiel wurde verantwortlich dafür, dass die Weilheimer Schuhe alle Schnürsenkel haben. Man hat mich damals in der Schuhfabrik nämlich gleich da behalten. Es war für die Gesellschaft wichtiger, dass ich Schnürsenkel in Schuhe einfädle, statt Journalistin zu bleiben. Ich war ja eigentlich schon lange unglücklich mit dem Schreiben gewesen, was ich nur all die Jahre nicht gemerkt hatte. Erst die Weilheimer Arbeit hat mich wirklich frei gemacht. Und das bin ich jetzt: wirklich frei – obwohl es natürlich verboten ist, ohne Erlaubnis das Schuhfabrikgelände zu verlassen. Allerdings – ein wenig zittrig bin ich schon beim Schnürsenkelfädeln – wie es halt so ist, wenn man bald neunundachtzig wird.“

© 2012 Robert Reitz – Wie Deutschland gerettet wurde

Foto: Brandenburger Tor © Christian Holzapfel PIXELIO

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11 Kommentare zu Wie Deutschland gerettet wurde {3}

  • Hack

    Der Text ist brandaktuell und den Nerv der Zeit treffend – nur “literarisch” genießen kann man ihn nicht. Ist im Grunde wenig lustig. Vielleicht, weil nicht weit genug weg von dem, was tatsächlich auf uns zukommt.

    Ich hab vor einigen Tagen eine hochinteressante Berichterstattung über 1-Euro-Jobs und die Schattenseite dieser Medaile gesehen. Es ist erschreckend wie mit einige wenigen Tintenstrichen die Erfolge 130 Jahre sozialer Gesetze im Bereich der Arbeitnehmersicherung zunichte gemacht werden, und niemand scheint sich darüber aufzuregen. Alles (Wirtschaft und Regierung) schielt über den großen Teich Richtung USA, aber dass es dort den Menschen im Schnitt nachweislich schlechter geht und die Bevölkerung dort alles andere als frei ist, wird ignoriert.

    • Sigurd lebt

      Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass es Regierung und Wirtschaft juckt, ob es den Menschen gut geht oder die Bevölkerung frei ist! Das wäre ja witzig!

    • Tom

      Blödsinn. Ihr glaubt doch nicht, dass in Deutschland Sklaverei eingeführt wird!

      • Antonia

        Frage dazu: Wenn deine gesamten Einnahmen für Lebenshaltung draufgehen und andere bestimmen, wo und wie du lebst… du drei Jobs hast, keine Zeit und keine Alternativen… während die Reichen sich weiter an den Ergebnissen deiner Arbeit mästen… Worin besteht dann der Unterschied zu Sklaverei und Leibeigenschaft?

  • Antonia

    Angesichts leerer Rentenkassen erscheint die unbefristete Lebensarbeitszeit als gute politische Lösung :roll: .
    Existenzielle Erpressbarkeit nimmt ständig zu und treibt immer seltsamere Blüten. Schon heute sind Arbeitnehmer gezwungen, Zugeständnisse bez. Arbeitszeit und -umstände zu machen, an die vor Jahren niemand dachte. Und: es wird noch schlimmer werden. *prophezei*

    Sehr treffende Satire!

  • CG

    auch diesen Text von Dir habe ich gern gelesen! Man müsste sich die mögliche Verteilung von Arbeit, Konsumgütern und Produktionsmitteln mal genau überlegen – wie es der alte Marx gemacht hat. Dein Text ist von den Ansätzen her beinahe so gut wie ein halber Laufmeter in der Bibliothek.

  • Dany

    Witzig und sehr sinnig fand ich dass der Autor den Wegbereitern des Neuen Deutschlands genau die Ideale der Hippies der 60er und 70er in den Mund legt: Sinnsuche, Sinnfindung, wir sind alle eine große Kommune, gehören zusammen und helfen uns gegenseitig, Geld ist nicht alles …

    Die tatsächliche Tendenz der aktuellen Politik ist genau das Gegenteil: Kontrolle, Isolation und Verwaltung der Einzelperson von oben herab (gläsernes Konto, Lohndumping, Abschaffung des Kündigungsschutzes usw.) Die Schwierigkeit besteht doch darin, sich mit Menschen zu solidarisieren, gegen die man gezwungen wird zu konkurrieren. Man wünscht es sich zwar, aber Sachzwänge halten einen ab. Solang man nen Job hat, kann man noch in der Stammkneipe solidarisch rumtönen. Ist der Job weg, sitzt man einsam daheim vor der Glotze und trinkt billiges Dosenbier vom Supermarkt. Und dann ist man genau das: Isoliert, kontrolliert und von oben herab verwaltet. Gute Satire.

  • Jo

    Dieter Köter hehehe genau. Ein Köter ist Arbeitgeberpräsi Hundt allerdings. Wobei natürlich die echten Hunde beim Vergleich beleidigt werden. Überhaupt jedes Tier. Ghoul, Leichenfresser wäre ein korrekter Vergleich. Jetzt kritisiert der Zombie sogar die neoliberalen Säcke von der FDP als “zu sozial”. Warum hänge wir ihn nicht einfach am nächste Baum auf?

  • Socke

    Wenn die Deutschen (und nicht nur die) kapieren würden, wie Kapitalismus und Kapitalertragssystem funktionieren, würden sie sich sofort totkotzen oder endlich auf die Straße gehen und damit Schluss machen!

  • Maureen

    Sehr intelligenter Artikel….. irgendwie unheimlich…. eine Art MATRIX… den Menschen wird die Energie abgezogen…… vom “Wirtschaftssytem” …… wahrscheinlich hat sich nur die Form verändert seit dem Feudalismus, der Inhalt nicht!

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